Wirtschaft : Bertelsmann geht wieder in die Offensive

Europas größter Medienkonzern will nach Wachstumspause expandieren/Alle Geschäftsfelder profitabel

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Berlin (mot). Europas größter Medienkonzern Bertelsmann hat seine Strategie geändert: Nach zwei Jahren Wachstumspause will das Gütersloher Unternehmen wieder expandieren – aus eigener Kraft und durch Zukäufe. „Wir haben von Konsolidierung auf Angriff geschaltet“, sagte BertelsmannVorstandschef Gunter Thielen am Dienstag in Berlin bei der Vorlage der Bilanz für 2003. „Bertelsmann ist wieder auf Spur“, fügte Finanzvorstand Siegfried Luther hinzu. Im vergangenen Jahr steigerte der Konzern sein operatives Ergebnis um 20 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Umsatz (16,8 Milliarden Euro) und Jahresüberschuss (208 Millionen Euro) waren hingegen rückläufig.

Thielen kann die Expansion auf einer soliden Basis starten. Bertelsmann ist es gelungen, trotz des Einbruchs der Werbe- und Musikmärkte sowie des Dollarkurses alle Geschäftsbereiche in die schwarzen Zahlen zu führen. Auch die Direct Group kehrte mit dem Buchclub-Geschäft knapp in die Gewinnzone zurück. Zugleich reduzierte der Konzern – dank der Verkaufserlöse für den Fachverlag Bertelsmann Springer und das Random-House-Hochhaus in New York – seine Schulden deutlich auf 820 Millionen Euro.

„Wir haben erheblichen finanziellen Handlungsspielraum“, sagte Thielen, der bis 2007, wenn sein Vertrag ausläuft, eine Umsatzrendite von zehn Prozent erreichen will. 2003 lag der Anteil des operativen Ergebnisses am Umsatz noch bei 6,7 Prozent. Wettbewerber wie die Axel Springer AG erzielten zuletzt eine Quote von 8,1 Prozent. In den kommenden drei Jahren will Bertelsmann zwei Milliarden Euro in neue Geschäfte investieren – zusätzlich zum regulären Investitionsbudget von 2,5 Milliarden Euro.

Börsengang frühestens 2006

Dabei will Bertelsmann auch als Käufer von Unternehmen auftreten. Mit Ausnahme der Musiksparte BMG planten alle Geschäftsbereiche – also Direct Group, Random House (Buchverlage), RTL (Fernsehen), Arvato (Druckereien) und Gruner + Jahr (Zeitschriften) – „mittelgroße Akquisitionen“, sagte Thielen. Interessante Märkte seien China, Indien und andere asiatische Wachstumsregionen. „Wir können uns kraftvoll nach vorne bewegen.“ Ein Urteil der Kartellbehörden über die geplante Fusion von BMG und Sony Music erwartet Thielen bis Ende September.

Ein Börsengang steht vorerst nicht auf der Tagesordnung. Der 25-Prozent-Anteil der Groupe Bruxelles Lambert (GBL) an Bertelsmann soll nicht wie ursprünglich geplant 2005, sondern frühestens 2006 an die Börse gebracht werden. GBL-Inhaber Albert Frère habe bisher aber keine Absicht, seine Beteiligung zu verkaufen, versicherte Thielen.

Ewald Walgenbach, Vorstand der Direct Group, zeigte sich im Gespräch mit dem Tagesspiegel optimistisch, dass die Buchclubs im laufenden Jahr einen zweistelligen Gewinn erzielen können. 2003 war bei einem leicht gesunkenen Umsatz (2,3 Milliarden Euro) ein kleines Plus von vier Millionen Euro erzielt worden – nach 150 Millionen Euro Verlust im Jahr zuvor. Nur die Clubs in Deutschland und Großbritannien arbeiten noch defizitär. Walgenbach rechnet damit, dass die britische Sparte den Turnaround 2004 schafft. Ob dies auch in Deutschland gelinge, sei noch offen. Weltweit zählt Bertelsmann 32 Millionen Club-Mitglieder, in Deutschland stagniert die Zahl bei rund vier Millionen.

Um mehr deutsche Kunden für die etwas angestaubte Buchclub-Idee zu begeistern, wurden 2003 rund 40 von 220 Filialen renoviert. Insider schätzen, dass die geplante Modernisierung aller Läden insgesamt rund 220 Millionen Euro kostet. Der Ausstieg aus dem reinen E-Commerce, ein zeitgemäßeres Programm und eine neue Werbekampagne stellten die Direct Group 2003 neu auf. „Wir haben insgesamt 300 Millionen Euro an Kosten gespart“, sagte Walgenbach. Große Hoffnungen setzt der Vorstand auf China. Dort will die Direct Group die Zahl der Club-Mitglieder von 1,5 Millionen auf fünf Millionen steigern. Schon heute verkauft Bertelsmann in China 20 Millionen Bücher pro Jahr – so viele wie in Frankreich. Die Margen sind auf dem regulierten Markt aber noch unbefriedigend.

Auch der Umsatzträger des Bertelsmann-Konzerns, die RTL Group, will nach Osten expandieren, vor allem nach Osteuropa. RTL erzielte 2003 einen Umsatz von knapp 4,5 Milliarden Euro (2002: 4,4 Milliarden). RTL-Chef Gerhard Zeiler hofft, dass sich der Werbemarkt 2004 wieder erholt. Dies gelte allerdings nicht für Deutschland, wo aber „das Schlimmste vorbei“ sei. Der Medienmarkt sei insgesamt gesättigt, sagte Gunter Thielen. Das Wachstum komme deshalb nicht von allein. Bertelsmann werde 2004 beim Umsatz und Gewinn dennoch zulegen. „Wir geben Gas in Richtung Zukunft.“

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