Wirtschaft : Bertelsmann versilbert Fachverlage

Beteiligungsfirmen zahlen mehr als eine Milliarde Euro– und schließen mit Springer zur Weltspitze auf

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Berlin (pla/mot). Der Medienkonzern Bertelsmann verkauft die renommierte Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer für 1,05 Milliarden Euro an ein europäisches Finanzkonsortium und verschafft sich damit Spielraum für weiteres Wachstum im Fernseh-, Rundfunk- und Zeitschriftengeschäft. Mit dem Verkauf an die beiden Beteiligungsgesellschaften Cinven und Candover „setzen wir unsere Strategie der Konzentration auf die Kerngeschäfte konsequent fort“, sagte Bertelsmann-Chef Gunter Thielen am Dienstag. Mit der RTL-Group, dem Musikkonzern BMG, dem Buchverlag Random House sowie den Buchclubs setzt Bertelsmann nun verstärkt auf Angebote für das breite Publikum.

Die neuen Eigner von Bertelsmann-Springer, die Beteiligungsfirmen Cinven und Candover, etablieren sich unterdessen als wichtige Anbieter auf dem Markt für Wissenschafts- und Fachliteratur. Bereits im Januar hatten sie von dem niederländischen Informationskonzern Wolter Kluwers die Sparte Kluwer Academic Publisher (KAP) für 600 Millionen Euro erworben. Beide Gruppen setzen zusammen knapp 900 Millionen Euro um und werden nach dem Bertelsmann-Springer-Kauf im Bereich Wissenschaft, Technik und Medizin weltweit Platz zwei hinter Elsevier Science belegen. Zu der größten deutschen Fachverlagsgruppe gehören mehr als 70 Verlage in Europa, Asien und den USA.

„Wir werden unsere Marktposition weiter ausbauen“, sagte Peter Gangsted, Geschäftsführer von Cinven in Deutschland dem Tagesspiegel. Das neue Unternehmen soll unter dem Namen Springer fortgeführt werden, auch die Standorte in Berlin, Heidelberg und New York blieben erhalten. „Berlin wird für Springer sehr wichtig bleiben“, sagte Gangsted. Cinven und Candover belegen nach Reed Elsevier (Umsatz 2002: 6,4 Milliarden Euro), Thomson, Wolters Kluwer, Pearson und McGraw Hill insgesamt Platz sechs.

150 Nobelpreisträger im Programm

Bertelsmann verkauft mit den Fachverlagen ein „Sahnestück“, wie einer der Bieter meinte. Das zielt weniger auf die Zahl von mehr als 150 Nobelpreisträgern unter den Autoren als auf die Rendite. Sie liegt in einigen Geschäftsbereichen, die etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes von 731 Millionen Euro ausmachen, bei 20 Prozent und beträgt ingesamt 9,7 Prozent. Bertelsmann könnte hochzufrieden sein, würde Random House mit populärer Literatur auch diese Marke erreichen. Die Trennung falle Bertelsmann schwer, räumte Thielen ein. Für die Zukunft von Bertelsmann sei der Verkauf indes „notwendig und richtig“ gewesen. Die Fachverlage trugen 2002 nur 3,9 Prozent zum Gesamtumsatz des Konzerns bei.

Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff hatte sich im Juni 2002 für den Verkauf der Fachverlage entschieden. Denn nur so konnten die Schulden des Konzerns abgebaut werden. Die Schulden waren nach dem überteuerten Kauf des Plattenkonzerns Zomba Music – nach der Kaufvereinbarung war der Musikmarkt um 30 Prozent eingebrochen – auf 2,7 Milliarden Euro gestiegen. Es heißt, dass Middelhoffs Entscheidung die Familie Mohn verdrossen und zu Middelhoffs Sturz beigetragen hat. Eine Alternative gab es aber wohl nicht. Denn für die defizitären Buchclubs dürfte es kaum Interessenten geben, und die übrigen Aktivitäten ergänzen sich gut. Wegen eines schwierigen US-Geschäfts und des schwachen Dollars war Bertelsmann im ersten Quartal in die Verluste gerutscht. Der Konzern verhandelt zurzeit mit AOL Time Warner über die Fusion der Musiksparten.

„Der Preis ist in Ordnung“

Der überraschend hohe Verkaufserlös von 1,05 Milliarden Euro, zu dem noch übernommene Pensionsverpflichtungen von 120 Millionen zu rechnen sind, kommt deshalb Bertelsmann-Finanzvorstand Siegfried Luther sehr gelegen. Erst vor einem Monat hatte er gesagt, nicht unter 900 Millionen Euro verkaufen zu wollen. Offenbar standen Cinven und Candover unter Druck, den Zuschlag zu erhalten. Nach Einschätzung vieler haben sie KAP (Umsatz: 150 Millionen Euro) zu teuer übernommen und müssen das Unternehmen nun zu einer profitablen Größe ausbauen. Peter Gangsted rechtfertigte den Kaufpreis, der das 10,3-fache des Gewinns vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation (Ebitda) beträgt, mit den Bewertungen vergleichbarer, börsennotierter Fachverlage. „Der Preis ist in Ordnung.“

Die Zusammenführung von KAP und Springer soll „ein bis zwei Jahre“ in Anspruch nehmen. Die Gesellschaften Cinven und Candover, die Unternehmenskäufe über mehr als 60 Milliarden Euro eingefädelt haben, wollen nach Auskunft von Jens Tonn, deutscher Partner von Candover, „mittelfristig“ investiert bleiben. „Das können drei bis sieben Jahre sein“, sagte Tonn dem Tagesspiegel. Denkbar seien auch weitere Zukäufe. Die Konzentration unter den Wissenschaftsverlagen hat erst begonnen, der Kapitalbedarf für die globale digitale Verwertung von Büchern und Zeitschriften überfordert kleinere Verlage.

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