Wirtschaft : Beruf und Bildung unter einen Hut bringen

Praxisnah und flexibel: Für Menschen, die im Job stehen, brauchen Hochschulen besondere Lehrkonzepte

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Manche machen ihre Hausaufgaben. Die International Academy der RWTH Aachen bietet zum Beispiel Kurse an, die von der Bundesagentur für Arbeit zertifiziert sind. Bei Bedarf können sie auch auf einzelne Unternehmen zugeschnitten werden. Foto: mauritius images
Manche machen ihre Hausaufgaben. Die International Academy der RWTH Aachen bietet zum Beispiel Kurse an, die von der Bundesagentur...Foto: mauritius images

Wer berufstätig ist, hat andere Ansprüche an ein Studium als der typische Vollzeitstudent. Flexible Lernzeiten und -formate gehören ebenso dazu wie Dozenten mit Praxiserfahrung. Aber wer sich im Rahmen des lebenslangen Lernens für eine wissenschaftliche Weiterbildung entscheidet, erwartet auch die direkte Anbindung an die aktuelle Forschung.

Das alles unter einen Hut zu bringen, ist für Hochschulen nicht immer einfach. Zumal das Thema Weiterbildung – zumindest in Deutschland – über Jahre hinweg nicht gerade im Zentrum ihrer strategischen Planung stand. Stattdessen lag der Fokus auf Forschung und traditioneller Lehre. Auch heute muss Weiterbildung kostenneutral für die Haushalte öffentlicher Hochschulen sein. Oder mit anderen Worten: Die Gebühren der Teilnehmer müssen für die Finanzierung reichen. Auch dürfen die Dozenten nicht zu Lasten der „normalen“ Studierenden aus dem Lehrbetrieb abgezogen werden. Obendrein sind die Zugangsvoraussetzungen für Berufstätige ohne Abitur kompliziert und uneinheitlich.

Bei solchen Rahmenbedingungen müssen Universitäten und Fachhochschulen eine gewisse Kreativität entfalten, um Berufstätigen eine wissenschaftliche Weiterbildung zu ermöglichen. So hat etwa Niedersachsen beschlossen, jetzt vier Hochschulen im Rahmen der „Offenen Hochschule“ nach britischem Vorbild für Studenten mit abgeschlossener Berufsausbildung und -erfahrung zu öffnen. Mit 480 000 Euro fördert das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur das Projekt bis Ende 2012. „Die ,Offene Hochschule‘ soll sowohl die individuellen Bildungspotenziale im Sinne des lebenslangen Lernens besser nutzen, als auch auf den gegenwärtig hohen Qualifikationsbedarf reagieren“, heißt es von Seiten des Ministeriums. Dabei gelte es, drei Bereiche abzudecken: spezielle Studienangebote für Berufstätige, die Anrechnung von Qualifikationen und Kompetenzen aus dem außeruniversitären Bereich und die Einbindung von Angeboten der Erwachsenen- und Weiterbildung in die Hochschulbildung.

„Offenbar wird immer mehr erkannt, dass sich die Hochschulen nach den doppelten Abi-Jahrgängen noch mehr öffnen müssen“, sagt Martin Beyersdorf, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium. „Wer jetzt nicht anfängt, lebenslanges Lernen in seine Hochschule einzubauen, der hat ab dem Jahr 2016/17 schlechte Karten.“ Damit meint er nicht nur die unvermeidlichen Folgen des demografischen Wandels, sondern auch den Fachkräftemangel. In Zukunft müssten Hochschulen, um ihr eigenes Überleben zu sichern, neben dem Vollzeitstudium ein berufsbegleitendes Studium anbieten.

In diesem Sinne hatte 2008 der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft die Hochschulen zu mehr Partizipation im Bereich Weiterbildung aufgefordert. „Noch haben nicht alle ihre Hausaufgaben gemacht“, sagt Ann-Katrin Schröder vom Stifterverband. „Aber sie sitzen zumindest schon am Schreibtisch und haben das Heft aufgeklappt.“ Das Thema sei in Politik und Hochschulen angekommen, dennoch stehe Deutschland im internationalen Vergleich nicht gut da. In den USA, Großbritannien, Frankreich und Finnland sei man da schon wesentlich weiter. Dort sei die Durchlässigkeit höher und wesentlich mehr Berufstätige nutzen die Angebote. „In Deutschland wird in der Regel der MBA als wissenschaftliche Weiterbildung angeboten. Das ist etwas fantasielos“, so Schröder. „Ansonsten gibt es konsekutive Master, aber eben kaum berufsbegleitende, modulare Programme. In den USA sind dagegen forschungsstarke Universitäten auch stark in der Weiterbildung.“ In Deutschland seien die meisten Hochschulen noch auf der Suche nach einem Mittelweg zwischen Angebots- und Marktorientierung, mit dem sie ihr Profil schärfen könnten. Ein interessantes Beispiel sei die International Academy der RWTH Aachen, die den Nerv der Zeit getroffen habe. Sie bietet unter anderem Kurse an, die von der Bundesagentur für Arbeit nach der Anerkennungs- und Zulassungsverordnung Weiterbildung (AZVW) zertifiziert sind. Sie geben Fach- und Führungskräften – zum Beispiel in Zeiten von Kurzarbeit – die Möglichkeit, ihre Kenntnisse in einem modular aufgebauten Programm zu erweitern. Bei Bedarf können die Kurse auch auf einzelne Unternehmen zugeschnitten werden.

Ein anderes gutes Beispiel ist laut Ann-Katrin Schröder die 2009 eröffnete Deutsche Universität für Weiterbildung (DUW) in Berlin. „Das Konstrukt als Partnerschaft zwischen der Freien Universität Berlin und der Klett Gruppe ist sehr clever“, sagt sie. Genau diese Vernetzung hebt auch DUW-Präsidentin und Weiterbildungsforscherin Ada Pellert hervor: „In der universitären Weiterbildung geht es darum, Wirtschaft und Wissenschaft zusammenzubringen“, sagt sie. „Die Konstellation mit zwei Trägern zwingt uns dazu, uns damit auseinanderzusetzen.“

Das sieht man nicht nur an den Studieninhalten, sondern auch an ihrem Format – einer Mischung aus E-Learning, Fern- und Präsenzstudium. „Das Blended Learning erreicht Berufstätige“, so Pellert. „Ihre beruflichen Probleme und Fragestellungen werden in den Kursen thematisiert. In der Reflektion haben sie die Möglichkeit, wissenschaftlich damit umzugehen.“ Das Studium an der DUW sei wie eine russische Puppe: Die einzelnen Module lassen sich im Laufe von zwei Jahren zu einem Abschluss kombinieren. Auch das käme Berufstätigen und Unternehmen entgegen.

Zum Schluss folgt allerdings noch eine schlechte Nachricht: Wenn es um das Thema Weiterbildung geht, stehen Arbeitnehmer oft alleine da. Die meisten suchen und finanzieren ihre Programme komplett selbst – weil ihre Arbeitgeber sich weder finanziell noch personell um Personalentwickung kümmern können oder wollen.

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