Berufsunfähigkeit : Depressionen und Rückenleiden sind am teuersten

Studie: Mit gezielter Hilfe für kranke Arbeitnehmer könnte die Wirtschaft bis zu 75 Milliarden Euro im Jahr sparen.

Peter Thelen
Rückenleiden führen oft zu dauerhafter Berufsunfähigkeit. Dabei ließen sie sich in vielen Fällen vermeiden.
Rückenleiden führen oft zu dauerhafter Berufsunfähigkeit. Dabei ließen sie sich in vielen Fällen vermeiden.Foto: dapd

Berlin - Durch eine konsequentere Behandlung von sogenannten Volkskrankheiten könnte die deutsche Wirtschaft ihre Produktivität um 20 Milliarden Euro im Jahr stärken. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung und der internationalen Strategieberatung Booz & Company, die dem „Handelsblatt“ vorliegt. Danach verursachen allein Depressionen, Rückenschmerzen, Asthma, Bluthochdruck und Rheuma Produktivitätsverluste in Form von Arbeitsunfähigkeit, Fehlleistungen kranker Arbeitnehmer und Erwerbsunfähigkeit von 38 bis 75 Milliarden Euro. Ein großer Teil dieser Verluste könne vermieden werden, wenn chronisch kranke Arbeitnehmer bei ihrer Therapie unterstützt würden. Dabei gehe es weniger um das pünktliche und konsequente Einnehmen von Medikamenten. Es gehe auch um Veränderungen in der Lebensführung und die Belastung am Arbeitsplatz.

In der Studie wird kritisiert, dass die Patienten heute, abgesehen von den Hinweisen des Arztes, mit der Bewältigung ihrer Krankheit weitgehend alleingelassen werden. Persönliche und berufliche Umstände würden bei der Therapie oft nur unzureichend berücksichtigt.

Dies hängt nach Ansicht von Studienautor Peter Behner, Gesundheitsexperte von Booz & Company, auch damit zusammen, dass die natürlichen Ansprechpartner, Ärzte und Kassen, keinen unmittelbaren Vorteil davon haben, wenn die Patienten ihre Therapievorgaben konsequent einhalten. „Zwar sparen durch bessere Therapietreue auch die Kassen auf lange Sicht.“ Zunächst aber wird es teurer. Kosten, denen nicht sofort Einsparungen gegenüberstünden, würden die Kassen aber vermeiden, um nicht Zusatzbeiträge erheben zu müssen.

Die größten Vorteile von einer besseren Therapieunterstützung hätten neben den Patienten Arbeitgeber und Staat, wenn chronisch Erkrankte länger im Job blieben und länger Steuern zahlten.

Die größten Verluste entstehen der Untersuchung zufolge mit bis zu 21 Milliarden beziehungsweise bis zu 26 Milliarden Euro für Arbeitgeber durch Depressionen und Rückenleiden. Rückenleiden führen besonders oft zu einer dauerhaften Erwerbsunfähigkeit. Bei den untersuchten fünf Erkrankungen ließen sich bis zu 27 Prozent der Produktivitätsverluste durch „überschaubare, aber gut strukturierte Programme“ senken, so Gesundheitsexperte Behner.

Die betriebliche Gesundheitspolitik der Kassen setzt nach Ansicht der Autoren bislang zu sehr auf allgemeine Vorsorgeprogramme, statt gezielt Kranken zu helfen. Solche allgemeinen Projekte dienten aber mehr der Mitgliederbindung gesunder Versicherter als den bereits Erkrankten. Peter Thelen (HB)

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