Wirtschaft : Besorgniserregende Aktivitäten bei Baan

MARK MAREMONT MATTHEW ROSE

Das Schloß aus dem 19.Jahrhundert, das als Zentrale der Firma Baan dient, schmiegt sich an die beschauliche niederländische Landschaft.Es schmückt sich mit einem Burggraben und einem französischen Garten.Im Inneren des Schlosses zieren Landschaftsgemälde des niederländischen Meisters Salomon van Ruysdael die Wände des großzügigen Büros von Jan Baan, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden.Aber die opulente Zentrale gehört nicht der schnell wachsenden Software-Firma, die sich in den vergangenen Jahren von einem unbekannten Unternehmen zu einer ernstzunehmenden Herausforderung für SAP und Oracle im Markt für betriebswirtschaftliche Software gemausert hat.Sie gehört stattdessen einem Privatunternehmen, das von Jan Baan und seinem jüngeren Bruder, J.G.Paul Baan, kontrolliert wird.Dieses Unternehmen hat das Schloß 1996 gekauft.Wieviel Miete Baan dafür bezahlt, ist unbekannt.

Ähnliche Transaktionen haben Baan an der Wall Street ins Fadenkreuz der Kritik gebracht.Investoren sind besorgt über komplexe finanzielle Arrangements mit einem Netzwerk von privaten Firmen, die von den Baan-Brüdern kontrolliert werden.Die Baan-Brüder halten auch 39 Prozent der Stimmrechte von den Baan-Aktien, auch wenn sie die Aktien selbst nicht mehr besitzen.Die Privat-Firmen, von denen eine ganze Reihe den Namen Baan und das Logo verwenden, haben große Mengen Software von Baan gekauft.Diese Transaktionen wurden bei Baan als Verkäufe verbucht, auch wenn die Software in einigen Fällen nicht beim Endverbraucher angekommen ist.In anderen Fällen haben die Privat-Unternehmen teure Dienstleistungen im Bereich PC-Support übernommen, die Baan früher selbst leistete.Baan scheint von diesen Geschäften einen definitiven Vorteil zu haben.Aber weil die Transaktionen nicht durchsichtig sind - die Öffentlichkeit hat wenig Zugang zu den Finanzen der Privat-Firmen - ist es schwer für Investoren zu entscheiden, wie gesund oder ungesund das Unternehmen Baan nun wirklich ist.

Vorstandsmitglieder von Baan sagen, daß die Privat-Unternehmen die Aktivitäten des Unternehmens Baan nicht subventionieren oder die Ergebnisse verzerren.Sie betonen, alle wichtigen Transaktionen seien auf der Basis der Gleichberechtigung geschehen.Trotzdem halten sich die Sorgen über die "Verhältnisse zwischen den einzelnen Einheiten in der Baan-Gruppe".Die Beunruhigung geht so weit, daß sie im vergangenen Jahr die Fonds-Gesellschaft Putnam Investments, die zu Jahresbeginn noch 9,4 Prozent Anteile an der Baan-Gruppe hielt, dazu veranlaßte, ihren gesamten Bestand zu verkaufen.

Nachdem die Baan-Brüder Monate damit verbracht hatten, die komplexe Struktur zu verteidigen, änderten sie in der vergangenen Woche ihre Strategie.Sie verkündeten, daß sie Maßnahmen ergreifen werden, um die Teile ihres Konzerns abzukoppeln.Ihre wichtigste private Holding teilte mit, daß sie ihren Namen von Baan Investment BV zu Vanenburg Ventures BV geändert hat.Ziel der Namensänderung sei es gewesen, "die Unabhängigkeit der Aktivitäten von denen der Baan klarzustellen".Sprecher der umbenannten Vanenburg erklärten, sie würden zwei Kernbereiche, die eng mit den für die Investoren besorgniserregenden Aktivitäten verknüpft waren, verkaufen oder ihren Wert realisieren.

Inzwischen hat Baan eine Reihe von Änderungen in ihrem Top-Management und im Aufsichtsrat angekündigt, die dazu geeignet scheinen, die Verbindungen zu den privaten Firmen zu lockern.Die Veränderungen sind "ein Schritt in die richtige Richtung", sagt David C.Cairns, der beim Börsengang 1995 Baans Finanzvorstand war.Kurze Zeit später verließ er die Software-Firma.Cairns sagt, er hätte die engen Verbindungen zu den Privat-Firmen "nicht zugelassen", weil sie ein Potential für Mißbrauch bergen."Man muß vorsichtig sein, wenn es zu einer Situation kommt, in der ein Unternehmen, das vom Vorstandsvorsitzenden kontrolliert wird, Produkte von der Muttergesellschaft kauft, ohne das Ergebnis zu konsolidieren", erklärt Cairns.

Die Kehrtwende bei Baan läßt Fragen offen.Es ist unklar, wer die beiden Kern-Bereiche übernehmen soll, von denen viele Analysten glauben, daß sie nicht profitabel sind.Eine von ihnen wird möglicherweise sogar an Baan selbst verkauft.Vanenburg ist sich offensichtlich noch nicht sicher, was mit der anderen Geschäftseinheit geschehen soll, einem großen Weiterverkäufer von Baan Software mit dem Namen Baan Business Systems oder BBS.Es heißt, sie könnte ganz oder in Teilen verkauft werden, oder an die Börse gebracht werden, was das Privat-Unternehmen wieder in seine alte Rolle zurückversetzen würde.Die Ankündigung der Baan-Brüder sagte auch nichts über eine Reihe anderer Verbindungen mit Privat-Unternehmen.Darunter fallen beispielsweise Immobilien-Geschäfte und Investitionen von Vanenburg in Unternehmen, die Produkte oder Dienstleistungen für Baan liefern.Was die Situation noch undurchsichtiger macht, ist die Tatsache, daß Vanenburg einige Geschäftseinheiten mit dem Namen Baan behalten will, beispielsweise jene, die Verbesserungen für die Baan-Software fertigt.

Der Richtungswechsel wirft Fragen auf über Baans Strategie und über ihre Fähigkeit, das atemberaubenden Umsatzwachstum von 64 Prozent, das sie im vergangenen Jahr erzielten, beizubehalten.Einige Wall Street-Analysten schätzen, daß die Geschäfte mit Vanenburg oder dessen Geschäftsbereiche mindestens 30 Prozent aber vielleicht auch die Hälfte von Baans Profiten ausmachten.Die Nachricht, daß Baan seine Struktur durchsichtiger machen werde, löste eine Aufwärtsbewegung des volatilen Baan-Aktienkurses aus.An der Amsterdamer Börse blieben die Baan-Aktien aber noch 26 Prozent unter ihrem Höchststand von Mitte April, als das Unternehmen begann, einige Buchhaltungsprobleme und Informationen über die Verbindungen zu den Privat-Unternehmen zu veröffentlichen.

Für Investoren bleibt das Risiko groß.In der Software-Branche gibt es genügend Beispiele von Unternehmen, die es über Jahre geschafft haben, ihre Aktien auf einem hohen Stand zu halten und dann unvermittelt abstürzten.Die schärfsten Kritiker von Baan kommen nicht aus Europa, sondern von der Wall Street.Die Baan-Brüder selbst haben nicht viel davon, wenn die Kurse der Baan-Aktien steigen.Sie haben eine komplexe Holding-Struktur geschafften, die es ihnen erlaubt, die Kontrolle über Vanenburg und 39 Prozent der Stimmrechte an Baan zu behalten.Das wirtschaftliche Interesse an diesen Unternehmen haben sie an eine von ihnen gegründete wohltätige Stiftung weitergeleitet.Sie selbst haben nur noch eine kleine Beteiligung an Baan, hauptsächlich in Form von Aktien-Optionen.Obwohl die Stiftung wohltätig ist, unterstützt sie nach Angaben von Jan Baan auch Ziele wie die "Verbreitung von betriebswirtschaftlicher Software".Im vergangenen Jahr erzählte er einer niederländischen Zeitung, daß "alle möglichen Dinge förderungswürdig seien, inklusive Baan Software".

Baans Aufstieg in die Liga der großen Software-Firmen startete erst vor ein paar Jahren, als der Markt für ihr Produkt mit dem Namen Enterprise Resource Planning oder ERP zu explodieren begann.Die teuren Produkte erlauben es den Kunden, ihre täglichen Aktivitäten mit einem einzelnen, verbundenen System zu erfassen, das es den Mitarbeitern erlaubt, über Abteilungsgrenzen hinweg auf Daten zuzugreifen.Diese Systeme haben allerdings den Ruf, hochkomplex und schwierig zu installieren zu sein.Die deutsche SAP AG ist Marktführer in der 9,5 Mrd.-Dollar-Branche, gefolgt von Oracle, PeopleSoft und Baan.

Baans Software, von der es heißt, sie sei elegant geschrieben und ließe sich leicht mit anderer Software verbinden, hat Kunden wie Boeing, die Northern Telecom Ltd.und die Komatsu Ltd.Im vergangenen Jahr erzielte Baan einen Umsatz von umgerechnet 684 Mill.US-Dollar, zwanzig Mal so viel wie vor sieben Jahren.Der Gewinn von 1997 war mit umgerechnet 77,2 Mill.Dollar mehr als doppelt so hoch wie im Jahr zuvor.Trotz des Preiseinbruchs seit April ist der Aktienkurs seit dem Börsengang 1995 um das Zenfache gestiegen.Jan Baan kündigte an, daß das Unternehmen für das Jahr 2000 einen Umsatz von zwei Mrd.US-Dollar anstrebt.Um so schnelles Wachstum zu unterstützen, plant Baan eine neue Zentrale in Ashburn/Virginia zu eröffnen.

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