Wirtschaft : „Betreuung ist keine Frauensache“ Was sich tun muss, damit Teilzeit attraktiver wird

03.07.2011 02:00 Uhr
Foto: David Ausserhofer/WZB Foto: David Ausserhofer
Foto: David Ausserhofer/WZB - Foto: David Ausserhofer

Herr Stuth, gerade mal zwei Prozent der männlichen Führungskräfte hierzulande arbeiten Teilzeit. Wie sieht das in den Niederlanden aus?

Die Niederlande liegen in Europa klar vorn. Dort gibt es die meisten Teilzeitchefs. Bei unseren Nachbarn arbeiten bereits 41 Prozent der weiblichen Führungskräfte und sieben Prozent ihrer männlichen Kollegen Teilzeit.

Wie kommt das?

Um ihren Arbeitsmarkt anzukurbeln, haben die Niederländer vor gut zehn Jahren das Recht auf individuelle Arbeitszeitverkürzung eingeführt. Außerdem bezuschusst der Staat seit den 80er-Jahren diejenigen Vollzeitstellen, die in Teilzeitstellen umgewandelt werden.

Hat der deutliche Ausbau der Teilzeitarbeit auch das Bewusstsein der niederländischen Gesellschaft verändert?

Ja. Diese Maßnahmen haben inzwischen Früchte getragen. Für viele Niederländer ist es heute völlig normal, Teilzeit zu arbeiten und so ihr Berufs- und Privatleben besser vereinbaren zu können.

Was muss sich tun, damit sich mehr deutsche Männer für Teilzeit entscheiden?

Es wäre hilfreich, wenn die Vätermonate nicht als „Wickel-Volontariat“ abqualifiziert und die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen nicht als für berufstätige Männer irrelevante Frauenangelegenheit betrachtet würde.

Warum sollten deutsche Arbeitgeber dafür sorgen, dass das Modell „Teilzeitchef“ auch für Männer attraktiv wird?

Aufgrund des drohenden Fachkräftemangels ist eine Arbeitsatmosphäre gefragt, die Frauen und Männer anspricht. Wer gute Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen binden will, kommt deshalb an flexiblen Arbeitszeit- und Karrieremodellen, mit denen persönliche Interessen berücksichtigt werden, nicht vorbei.

Das Gespräch führte C. Obmann (HB)

Stefan Stuth forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung über atypische Beschäftigung in Europa. Er kritisiert, dass Vätermonate als „Wickel-Volontariat“ abqualifiziert werden.

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