Wirtschaft : Betriebe suchen einige zehntausend Fachkräfte und sind auf Zuwanderung angewiesen

Ulrike Focken

Qualifizierte Arbeitskräfte fehlen offenkundig allerorten. Nicht nur die IT-Branche beklagt den Fachkräftemangel, sondern auch die deutschen Handwerksbetriebe haben nach eigenen Angaben zehntausende unbesetzte Stellen. So könnten die bayerischen Betriebe allein 25 000 spezialisierte Metall- und Elektrohandwerker gebrauchen, wie eine Umfrage des bayerischen Handwerks in den ersten Jahresmonaten ergeben hat. Die Betriebe in Baden-Württemberg sorgen sich um die 5000 Stellen, die die bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge in den vergangenen fünf Jahren ausgefüllt haben und die nun aus politischen Gründen in die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens zurück müssen. Und in Nordrhein-Westfalen haben die Handwerksbetriebe schon im vergangenen Herbst 14 000 unbesetzte Stellen für Facharbeiter gemeldet. "Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz", forderte daher am Dienstag in Berlin Dieter Philipp, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.

"Deutschland darf sich bei dem Thema nicht ausklinken", mahnte er sowohl Regierung als auch Opposition. Die Politik müsse sich rechtzeitig darum kümmern, eine "gemeinsame europäische Regelung" zu erarbeiten. "Die Green Card greift eindeutig zu kurz", sagte auch der Generalsekretär des Handwerkverbands, Hanns-Eberhard Schleyer. Denn "wir sind auf Zuwanderung angewiesen", betonte Philipp. Da die Deutschen zu wenige Kinder bekommen, fehlt den Unternehmen der Nachwuchs. Allein aus diesen demografischen Gründen könne Deutschland nicht die notwendige Produktivität erbringen, die das Land wirtschaftlich benötige.

Mobilität gefordert

Vor allem die Metall- und Elektrounternehmen in den süddeutschen Ländern, aber auch bundesweit die Nahrungsmittelbetriebe suchen händeringend Mitarbeiter. Die könnten zum Teil auch innerhalb der Landesgrenzen gefunden werden, sagte Philipp. Das jedoch setze Mobilität voraus. Eine Eigenschaft, die arbeitslos gemeldete Personen offensichtlich nicht besitzen. Philipp plädiert daher für "finanziellen Druck" auf Arbeitssuchende. Etwas positiver formuliert könnte sich Philipp vorstellen, dass sie mit "Mobilitätshilfen" zum Umzug aus einer strukturschwachen in eine boomende Region bewegt werden. Schon jetzt graust es ihm und seinen Handwerkern davor, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge der Nachwendezeit ins Lehralter kommen. Bäcker, Metzger oder Maurer will nämlich schon seit Jahren kaum noch ein Jugendlicher lernen.

Zuversichtlich betrachtet Philipp die Auswirkungen der ansteigenden Exporte auf das Handwerk. Er rechnet mit "Überschwappeffekten" und steigenden Umsätzen. Dennoch werden die Handwerksbetriebe hinter der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zurückbleiben und nur im Westen moderat wachsen. Sorgen bereitet insbesondere das Bauhandwerk, wo bereits jetzt die Aufträge ausblieben.

Philipp forderte Finanzminister Hans Eichel erneut auf, bei der geplanten Steuerreform den Einkommensteuertarif über seinen ganzen Verlauf zu senken. Außerdem solle sich Eichel von der Optionslösung verabschieden, denn "sie ist für die Masse der mittelständischen Personeneunternehmen kein gangbarer Weg". Höchstens fünf Prozent der Betrieb würden sich dazu entschliessen, steuerlich von einer Personengesellschaft zu einer Kapitalgesellschaft zu werden, sagte der Handwerker-Präsident. Eine Einschätzung, die auch einige Finanzexperten in der Regierung teilen.

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