Betriebsklima : Gestörte Verbindung

Viele Beschäftigte fühlen sich ausgenutzt und machen nur noch Dienst nach Vorschrift. Arbeitgeber wären gut beraten, das zu ändern.

Jan Guldner,Claudia Obmann
Vertrauen missbraucht. Die Siemens-Mitarbeiter verzichteten auf Gehalt, um ihre Jobs zu sichern – gebracht hat ihnen das nichts. Sie haben trotzdem ihren Arbeitsplatz verloren.
Vertrauen missbraucht. Die Siemens-Mitarbeiter verzichteten auf Gehalt, um ihre Jobs zu sichern – gebracht hat ihnen das nichts....Foto: picture-alliance/ dpa

Softwareexperte Thorsten Meyer* war stolz, für Siemens zu arbeiten. Jede Überstunde für die Produktion neuer Handymodelle hat er klaglos hingenommen, hat an die Zusagen der Geschäftsführung geglaubt – und war dann ganz plötzlich arbeitslos, wie 3300 seiner Kollegen.

Es war wie ein Schlag ins Gesicht: Als der damalige Finanzchef der Siemens-Mobilfunksparte, Joe Kaeser, im Juni 2005 der Belegschaft im Werk Kamp-Lintfort den Verkauf der Handysparte an BenQ verkündete, erlebte er, wie skrupellos Arbeitgeber sein können.

„Eine solche Erfahrung macht einen zum Söldner“

Erst im Jahr zuvor hatten die Angestellten der Handysparte nach der Drohung des Managements, ihre Arbeitsplätze nach Ungarn zu verlagern, zugestimmt, auf rund 25 Prozent Gehalt zu verzichten. Und dann das: Kurz vor Ablauf der Beschäftigungsgarantie, die das Dax-Unternehmen seinen Leuten gegeben hatte, meldete der neue taiwanische Besitzer für die deutsche Tochter Insolvenz an.

„Eine solche Erfahrung macht einen zum Söldner“, sagt Meyer. Der Familienvater meint damit, dass er heute seinen Job erledigt, aber nicht mehr mit dem Herzen an seinem neuen Arbeitgeber hängt.

So verfahren offenbar viele Fach- und Führungskräfte. Das belegen Studien des Meinungsforschungsunternehmens Gallup. Regelmäßig befragt es deutsche Beschäftigte, wie es um ihre emotionale Bindung zum Arbeitgeber bestellt ist. Und auch 2015 zeigen sich Anzeichen einer Beziehungskrise: 15 Prozent aller Deutschen haben innerlich gekündigt, 70 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, besagt die jüngste Erhebung aus 2014, deren Ergebnisse jetzt vorliegen.

15 Prozent aller Deutschen haben innerlich gekündigt

Nur gerade mal 15 Prozent verspüren eine hohe Bindung zu ihrem Arbeitgeber und sind bereit, „die extra Meile zu gehen“, sagt Studienleiter Marco Nink. Für Unternehmen sei das schlecht. Die emotionale Kälte ihrer Angestellten kostet die Firmen viel Geld, errechnet der Berater. Wem sein Arbeitgeber egal ist, der wechselt eher, macht keine Überstunden und ist erst recht nicht kreativ. Durch schwache Produktivität, hohe Fluktuation und Fehlzeiten entstünde der deutschen Volkswirtschaft so ein Schaden im hohen zweistelligen Milliardenbereich.

Höchste Zeit also, die Herzen der Mitarbeiter zurückzugewinnen? Aus Sicht der Unternehmen mag das stimmen. Das Kalkül: Die Mitarbeiter bleiben länger, fordern weniger, leisten mehr. Paradebeispiel für diesen Ansatz ist Suchmaschinen-Betreiber Google. Hier kreiert das Management bewusst eine Wohlfühlatmosphäre rund um den Arbeitsplatz, die von Gratisverpflegung bis hin zu gemeinsamen Freizeitaktivitäten beinahe alles bietet.

Durch das Verwöhnprogramm identifizieren sich Mitarbeiter so sehr mit ihrem Unternehmen, dass sie dort etwa nach der Arbeit selbst noch kostenlos Schulungen für Kollegen geben: Ob Programmier-Know-how, Meditationsworkshop oder Tanzkurs – wer etwas gut kann, lässt mit dem „Googler für Googler“-Angebot die Kollegen teilhaben.

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