Wirtschaft : Bewag an die Leine gelegt

DANIEL WETZEL

Eins nach dem anderen: Erst machen wir uns im Training fit, dann gehen wir in den Wettbewerb.Berlins Energieversorger Bewag hat sich fit gemacht.Die Produktivität der Mitarbeiter wurde deutlich gesteigert, Kosten wurden abgebaut.Das Management hat den privatisierten Betrieb im Griff.Doch während sich die Bewag im Trainingslager weiter überschüssige Pfunde abtrainiert, sind die Wettbewerber bereits losgerannt.Hat die Bewag den Schuß nicht gehört?

Tatsächlich machen zur Zeit in Deutschland einige Stromkonzerne Furore, weil sie die Möglichkeiten des freien Energiemarktes aggressiv oder originell nutzen.Die Bewag gehört nicht dazu.Im Stromhandel gingen Enron und die RWE in die Offensive.HEW und Energie Baden-Württemberg erstreiten sich jenseits ihrer ehemaligen Monopolgebiete ständig neue Absatzmöglichkeiten.Auch die Bewag hatte bei ihrer Privatisierung einstmals viel Hoffnung geweckt: Expansion, Stromhandel, neue Geschäftsfelder.Wirklich passiert aber ist bisher wenig.Bankanalysten sehen sich in ihren Hoffnungen enttäuscht, stufen die Bewag-Aktie bereits auf "verkaufen" herab.

Was ist mit der Stromhandelskompetenz, die der neue Großaktionär Southern Company mitzubringen versprach? Was ist mit der Expansion und den neuen Beteiligungen im Osten, auf die die Aktionäre der ersten Stunde gesetzt hatten? Statt das Unternehmen voranzubringen, scheinen sich die Hauptanteilseigner im Aufsichtsrat gegenseitig zu blockieren.Solange sich die Großaktionäre Southern, Veba und Viag aber nicht über Zukunft und Strategie der Bewag einig werden können, ist der Vorstand dazu verdammt, passiv zu bleiben.Tatsächlich beschränkt sich die Bewag zur Zeit darauf, abtrünnige Großkunden mit Preisnachlässen bei der Stange zu halten, statt selbst neue Kunden zu akquirieren.Von aktiver Gegenwehr keine Spur.Stattdessen geht man mit Kundenrabatten ins Rückzugsgefecht.Der Bewag-Vorstand hat bewiesen, daß er handeln kann.Aber er darf nicht so, wie er möchte.Die Anteilseigner Veba und Viag haben überhaupt kein Interesse daran, daß die Berliner in den Gebieten der eigenen Stromtöchter PreussenElektra und Bayernwerk wildern.Und so muß die Bewag auch in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres den Wettbewerb beobachten, anstatt selbst mitzulaufen.Selbst der neueste Aktionärsbrief kann für die zweite Jahreshälfte nicht viel mehr versprechen, als sinkende Erträge mit neuen Kostensenkungen aufzufangen.

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