Wirtschaft : Bewag-Chef Dietmar Winje tritt zurück

Antje Sirleschtov

Der Vorstandsvorsitzende des Berliner Stromversorgers Bewag, Dietmar Winje (57), wird kurzfristig zurücktreten. Wie diese Zeitung erfuhr, werden Winje und der Vorstandschef des Hamburger Versorgers HEW, Klaus Rauscher, eine "einvernehmliche Entscheidung", wie es hieß, noch in dieser Woche in Berlin bekannt geben. Der schwedische HEW-Mehrheitseigentümer Vattenfall hatte Anfang Dezember 2001 für 1,63 Milliarden Dollar rund 45 Prozent der Bewag-Aktien von dem amerikanischen Unternehmen Mirant erworben und damit HEW die Möglichkeit eröffnet, den ostdeutschen Stromverbund "Vierte Kraft" aus HEW, Veag, Laubag und der Bewag zu formieren.

Für den habilitierten Volkswirt Winje endet damit eine gut elfjährige Karriere im Vorstand des Berliner Versorgers. Winje gehört dem Top-Management seit 1990 an und wurde 1996 Vorstandschef des Unternehmens. Über die Berliner Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde Winje vor allem mit der reibungslosen Privatisierung der Bewag Mitte der neunziger Jahre. Ihm wird auch die Sanierung des einstigen öffentlichen Stromversorgers und der geräuschlose Abbau von einigen tausend Arbeitsplätzen zugeschrieben. Dennoch gelang es Winje, der in den achtziger Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrte, nach der Öffnung der deutschen Strommärkte für den Wettbewerb nicht, die Bewag aus dem Status eines Regionalversorgers herauszuführen. Obwohl er gemeinsam mit dem amerikanischen Anteilseigner Mirant (vormals Southern Energy) eine Strategie zur Übernahme der ostdeutschen Braunkohle-Stromversorger Veag und Laubag entwickelte, kamen ihm der schwedische Konzern Vattenfall mit dem Hamburger Versorger HEW zuvor. Seit Mitte 2000 musste Winje beinahe tatenlos mit ansehen, wie die Bewag selbst in einen lang anhaltenden Streit um den Anteilsbesitz hinein gezogen wurde. Er selbst musste sich vorwerfen lassen, mehrfach zwischen den Kontrahenten Mirant und Vattenfall die Seiten gewechselt und damit das Vertrauen verloren zu haben. Seit sich Winje im Herbst 2001 dazu entschloss, die Bewag außerhalb des Stromverbundes "Vierte Kraft" zu entwickeln und ein in Branchenkreisen höchst umstrittenes Konzept zur Übernahme von Stadtwerken vorlegte, wuchs die Zahl der Zweifler an seiner Führungskompetenz. Auch der amerikanische Eigentümer Mirant entschloss sich letztlich Anfang Dezember zu einem Rückzug aus dem Berliner Stromunternehmen.

Für den 55-jährigen Bewag-Personaldirektor Hans-Jürgen Cramer wachsen nach Informationen des Tagesspiegel hingegen die Chancen, für den designierten Vorstand der Holding der "Vierten Kraft" nominiert zu werden. Auch diese Personalentscheidung soll noch in dieser Woche geklärt werden, hieß es. Der Diplompsychologe Cramer ist seit Mitte 1999 Bewag-Vorstandsmitglied und Verdi-Mitglied. Neben den Interessen der Gewerkschaft Verdi (Bewag) müssen beim neuen nordostdeutschen Stromkonzern auch die Interessen der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie und Energie (Veag, Laubag) und IG Metall (HEW) berücksichtigt werden. Der neue Holding-Personaldirektor soll IG-BCE-Mitglied Martin Martiny (Veag) werden. Welcher Zuständigkeitsbereich dem Bewag-Vorstand übertragen werden soll, ist noch unklar.

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