Wirtschaft : Bewag: Interesse an deutschen Stadtwerken

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Nach der geplatzten Fusion der nordostdeutschen Stromversorger HEW, Veag, Laubag und Bewag zur "Vierten Kraft" will das Berliner Unternehmen in Zukunft aus eigener Kraft in Deutschland und Europa wachsen. Bewag-Chef Dietmar Winje sagte am Donnerstag, man werde jetzt Beteiligungen und Kooperationen mit Stadtwerken prüfen. Der amerikanische Hauptgesellschafter der Bewag, Mirant, zeigte sich daran interessiert, frei werdende Bewag-Anteile der Hamburgischen Electricitätswerke AG (HEW) zu erwerben.

Der Abbruch der Fusionsgespräche zum geplanten Stromkonzern "Vierte Kraft" durch die Haupteigentümer der beteiligten Unternehmen, die schwedische Vattenfall und die amerikanische Mirant, hat für den Berliner Stromversorger Bewag weit reichende Konsequenzen. "Monatelang" habe man sich mit aller Kraft auf die Integration der vier Unternehmen vorbereitet, sagte Bewag-Chef Dietmar Winje am Donnerstag. Der gemeinsame Konzern sei eine herausragende Möglichkeit zur Entwicklung des Unternehmens gewesen. Nun müsse sich die Bewag neu orientieren. "Wir bedauern diese Entwicklung sehr", sagte Winje. Grafik: Die zerstrittenen Partner Ohne direkten Anschluss an das Unternehmens-Trio HEW-Veag-Laubag, das einen Zusammenschluss nun rasch vollziehen will, muss die Bewag nun allein versuchen, im deutschen und europäischen Strommarkt zu wachsen. Aussichtslos sei dies nicht, sagte Winje. Die Bewag sei ein ertragsstarkes Unternehmen mit internationalem Hintergrund und zu jeder Zeit ein gefragter Partner für Stadtwerke in Deutschland gewesen. Diesen Weg der Kooperation und der Übernahme von Stadtwerken wolle man nun wieder intensiver verfolgen. Darüber hinaus werde die Bewag ihre bundesweiten Vertriebsaktivitäten ausbauen, um durch direkte Kundengewinnung einen Marktanteil von fünf Prozent zu erreichen.

Ob die ursprünglich für 2003 geplante Allianz mit den Hamburgischen Electricitätswerken HEW und den ostdeutschen Braunkohleverstromern Veag und Laubag in veränderter Form dennoch zustande kommen könnte, ist derzeit noch nicht sicher. Denn die Bewag verfügt auch jetzt noch über Optionen, an dem nordostdeutschen Stromverbund teilzuhaben. Bis 30. Juni kommenden Jahres hat die Bewag das Recht, 25,1 Prozent der Veag von HEW zu kaufen. Darüber hinaus ist die Bewag an der Veag-Eigentumsgesellschaft EBH beteiligt. Um in Zukunft in Ostdeutschland agieren zu können, muss HEW (Hauptgesellschafter Vattenfall) die Zustimmung der EBH einholen. Die Bewag könnte diese Optionen in ihrem Interesse nutzen. Ob Winje dies tun wird, will er in den kommenden Wochen prüfen.

Am Rande der Bilanzpressekonferenz der Bewag sagte der Mirant-Manager Jason Harlan, dass sein Unternehmen daran interessiert ist, von HEW weitere Aktien der Bewag zu erwerben. An einen Rückzug aus dem Berliner Unternehmen denke man nicht, fügte er hinzu. Nach Einschätzung von Beobachtern könnte Vattenfall (Mehrheitseigentümer der HEW) ein Interesse daran haben, dass HEW rasch Bewag-Anteile verkauft und dadurch finanziell gestärkt wird. Denn Vattenfall muss mit HEW nun allein Milliardenbeträge für die Integration von Veag/Laubag aufbringen und gilt in der Branche als finanzschwach. Zumal weitere finanzielle Verpflichtungen drohen: Der Hamburger Senat hat eine Option, seinen 25,1-Prozent-Anteil an HEW der Vattenfall zum Kauf anzubieten. Weil der Vertrag dem Hamburger Senat einen Zuschlag zubilligt, wenn den Schweden die HEW-Anteile bis zum Jahresende angeboten werden, rechnet man mit einer raschen Transaktion.

Zudem bestätigte das Bundeskartellamt dieser Zeitung am Donnerstag, dass die Stadtwerke Neubrandenburg beim Düsseldorfer Oberlandesgericht Klage gegen eine Entscheidung des Kartellamtes eingereicht hat, die für Vattenfall/HEW bedeutend sein könnte. Gibt das Gericht den Klägern Recht, muss HEW als Käufer von Veag/Laubag vom Stromversorger RWE auch den südostdeutschen Stromversorger Envia kaufen - eine Milliardeninvestition, die nach Brancheneinschätzung die finanziellen Möglichkeiten der Schweden übersteigen würde.

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