Wirtschaft : Bewag: Kommentar: Neue Kraft in Berlin

Antje Sirleschtov

Es muss ein Fluch liegen über Berlin. Erst traf es Herlitz, den ums Überleben kämpfenden Hersteller von Büroartikeln. Dann die Bankgesellschaft, das alimentierte Kreditinstitut. Und nun auch die Bewag. Einst startete das kommunale Stromwerk mit größten Ambitionen in den europäischen Markt. Im Verbund mit den Hamburger Electricitätswerken, der ostdeutschen Braunkohle- und Stromkraft Veag / Laubag und starken Eigentümern aus Amerika und Schweden sollte die Bewag zum Nukleus für einen der großen europäischen Energiekonzerne werden. Der Hauptstadt - die schon ein Jahrzehnt unter dem wirtschaftlichen Niedergang leidet - wollte die Bewag den ersten wirklich wichtigen Konzernsitz schenken.

Jetzt steht das Stadtwerk Bewag wieder alleine da. Verspielt ist vorerst nicht nur die Chance für das Unternehmen auf einen Quantensprung von Treptow direkt auf Europa-Niveau. Verspielt ist auch die Hoffnung Berlins auf einen wirtschaftlichen Bedeutungsgewinn. Denn wenn jetzt der neue Stromkonzern von Hamburg aus geführt wird, dann müssen sich auch die Berliner Mitarbeiter der Veag darauf einstellen, nicht mehr als ein Verwaltungsstützpunkt für die ostdeutschen Kraftwerke zu sein.

Zumindest für die Bewag ist das Spiel um die Macht allerdings noch nicht zu Ende. Aus dem subventionierten Staatsbetrieb ist längst ein profitabler Marktteilnehmer geworden. Darüber hinaus - und darauf kommt es jetzt an - hält die Bewag Trümpfe in der Hand, die ihre Position über kurz oder lang verbessern könnten. Da sind drei Millionen Kunden, an die das Trio HEW-Veag-Laubag seinen Strom in Zukunft verkaufen muss. Und auch Beteiligungsverhältnisse und Optionen bei der Veag, die Bewag-Chef Dietmar Winje dazu nutzen kann, die Interessen des Unternehmens bei der Neu-Verteilung des Energiemarktes zu vertreten. Gelingt es, diese Trümpfe geschickt einzusetzen, könnte sich der Abbruch der Fusions-Gespräche zur "Vierten Kraft" noch als Vorteil der Bewag erweisen und aus dem Trio letztlich doch ein Quartett werden. Die Bewag wäre dann ein maßgeblicher Teil dieses Verbundes. Allerdings nicht so maßgeblich, dass der Wirtschaftsstandort Berlin auch davon profitieren könnte.

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