Wirtschaft : Bewag: "Wir sind auf die Veag nicht angewiesen"

Herr Winje[eine Bewag-Aktie kostet heute so viel]

Dietmar Winje ist Vorstandsvorsitzender des Berliner Stromversorgers Bewag AG. Seit Monaten steht das Unternehmen selbst im Kreuzfeuer eines Übernahmestreits zwischen dem amerikanischen Stromversorger Mirant (ehemals Southern Energy) und dem schwedisch-deutschen Duo Vattenfall/HEW. Das Ausschreibungsverfahren um den ostdeutschen Stromversorger Veag konnte die Bewag Ende 2000 nicht gewinnen. Den Zuschlag erhielt der Hamburger Wettbewerber HEW.

Herr Winje, eine Bewag-Aktie kostet heute so viel wie zwei Kinokarten. Trotzdem will kein Anleger sie haben. Warum ist Berlins Stromversorger so unattraktiv?

Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wir haben den Vertrieb ausgebaut und unsere Kosten gesenkt. Heute ist die Bewag ein erfolgreiches Unternehmen. Das sehen auch viele Analysten so, und das wird positive Auswirkungen auf den Aktienkurs haben.

Zehn Prozent Umsatzrückgang, 15 Prozent Ergebnisrückgang: Sind das Belege für Erfolg?

Wie überall in der Strombranche ist im zurückliegenden Geschäftsjahr wegen des Strompreisverfalls der Umsatz rückläufig gewesen. Unser Ergebnis wurde auch von den hohen Kosten des Restrukturierungsprogrammes belastet. Man darf nicht vergessen, dass wir uns in den vergangenen 18 Monaten von rund 3400 Mitarbeitern getrennt haben. Das kostet uns 700 bis 800 Millionen Mark. Dabei sind die Kosten des Abbaus von weiteren 600 Mitarbeitern eingerechnet.

Wie wollen Sie den negativen Trend jetzt umkehren?

Das ist uns schon gelungen. Wir verkaufen nicht nur deutlich mehr Strom zu auskömmlichen Preisen - und das in ganz Deutschland. Wir schrauben auch unsere Kosten weiter nach unten - um insgesamt eine Milliarde Mark. Ich bin zuversichtlich, dass Umsatz und Ergebnis in diesem Jahr besser sein werden.

Wie hoch wollen Sie hinaus?

Um mindestens fünf Prozent wollen wir in Zukunft pro Jahr wachsen.

Woher soll denn so viel Wachstum kommen?

Zum einen steigt in Deutschland das Preisniveau für Strom wieder an. Zwar wird das ursprüngliche Niveau der Strompreise nicht wieder erreicht werden. Doch das Preistief ist endgültig hinter uns und das schlägt sich auch in unserem Geschäft wieder.

So stark, dass der Umfang der Kunden, die Ihnen in Berlin den Rücken kehren, kompensiert wird?

In Berlin sind wir nach wie vor Marktführer. Rund 96 Prozent aller Privathaushalte beziehen ihren Strom von der Bewag. Bei den Gewerbekunden sind es ebenso noch 96 Prozent und rund 81 Prozent der Industriebetriebe sind unsere Kunden.

Lahmt denn der Wettbewerb um Stromkunden in Berlin?

Nein, das nicht. Aber wir haben angemessene Preise. Unsere Konkurrenz in Berlin muss sich gewaltig anstrengen.

Kommt die Bewag außerhalb der Stadt auch so schwer zum Zug wie Ihre Wettbewerber in Berlin?

Im Tarifkundenbereich stimmt das wohl. Die Wechselbereitschaft der Privathaushalte ist viel geringer als wir alle erwartet haben. Aber wir sind recht erfolgreich bei der Akquirierung von Industrie- und Gewerbekunden und im Stromhandel. Allein in den vergangenen fünf Monaten haben wir die Zahl der Kunden außerhalb der Stadt nahezu verdoppelt und verkaufen jetzt schon rund 40 Prozent unseres Stromes nicht mehr in Berlin.

Andere Unternehmen der Branche wachsen allerdings vor allem durch Fusionen und Zukäufe, und da ist es ja seit Monaten um die Bewag bedrohlich ruhig.

Größe ist nicht immer alles. Wir sind ein gesundes Unternehmen im Kerngeschäft und fühlen uns ganz komfortabel als kleiner Hecht im Karpfenteich.

Sie könnten sich also auch eine Zukunft ohne die Veag vorstellen?

Das streben wir nicht an. Aber eine wirklich wettbewerbsfähige neue Kraft ist nur mit der Bewag möglich. Aber wir sind darauf auch nicht auf Gedeih und Verderb angewiesen. Wir haben die Kunden - mehr als HEW und Envia zusammen. Die Kostenentwicklung stimmt und die Ergebnisse auch. Zudem sondieren wir Kooperationen im Stadtwerke-Bereich und in Polen.

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