Bewerbermangel : Die Lehrlinge werden knapp

In zehn Jahren soll es 200.000 Bewerber weniger geben. Die Bundesregierung warnt: Ostdeutschland trifft es dann am härtesten.

Antje Sirleschtov
Azubis
Azubis bei der Arbeit. -Foto: ddp

BerlinEs klingt wie ein Urgesetz: Auch im laufenden Jahr müssen 200 000 Schulabgänger um einen Ausbildungsplatz bangen. Immer wieder bleiben viele Interessenten nach langer Suche frustriert in den Warteschleifen zurück. Doch der Trend zeigt mittlerweile in die andere Richtung: In Zukunft werden Lehrlinge knapp. Die Wirtschaft muss umdenken.

Schon im vergangenen Jahr wurden 625 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen – so viele wie zuvor erst einmal seit der Wiedervereinigung. Das geht aus dem jüngsten Berufsausbildungsbericht hervor, den Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Mittwoch im Kabinett vorstellte. Die Autoren warnen: Spätestens im nächsten Jahrzehnt wird es in weiten Teilen Deutschlands Firmen geben, die dringend Ausbildungswillige suchen – und wegen des mageren Angebotes nicht finden werden.

Der Grund für die heute schon im Handwerk spürbare Entwicklung ist die sinkende Schülerzahl. Gleichzeitig droht in vielen Branchen ein dramatischer Fachkräftemangel. Bereits 2008 würden rund 33 500 Jugendliche weniger die berufsbildenden Schulen verlassen als 2007, rechnet die Regierung vor. Der Rückgang falle demografisch bedingt in den Ost-Bundesländern mit 12,4 Prozent deutlich stärker aus als im Westen mit 3,5 Prozent. Allein in den neuen Ländern werde sich die Absolventenzahl an den Schulen bis 2013 gegenüber 2000 etwa halbiert haben. In zehn Jahren etwa werden in Ost und in West zusammen rund 200 000 Bewerber weniger als heute eine Lehrstelle suchen. „Nachwuchs- und Rekrutierungsprobleme auf Seiten der Wirtschaft werden deshalb zunehmen“, heißt es im Bericht. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Forschungsministerin Annette Schavan (beide CDU) und die Länder wollen bei einem Qualifizierungsgipfel im Herbst in Berlin über eine gemeinsame Strategie beraten.

Dabei wird es wohl auch um Fragen des Verdienstes gehen. Denn die gut 1,7 Millionen Lehrlinge, die es derzeit in Deutschland gibt, leiden besonders unter der hohen Inflation. Ihre Ausbildungsvergütungen stiegen – bereinigt um die Inflation – zwischen den Jahren 2000 und 2006 im Westen nur minimal um 0,1 Prozent. Im Osten gab es sogar einen Rückgang um 0,4 Prozent. Und das, obwohl schon jetzt die durchschnittlichen Vergütungen mager sind. Im Schnitt 644 Euro monatlich im Westen und 551 Euro im Osten. Bei der Bezahlung, die im Durchschnitt 40 bis 50 Prozent der Gesamtkosten für den Ausbildungsbetrieb ausmacht, gibt es eine sehr weite Spanne: Überaus gut verdienen angehende Binnenschiffer mit 925 Euro, Maurer mit bis zu 859 Euro und künftige Versicherungskaufleute mit 817 Euro. Hingegen muss eine Friseurin in Ausbildung im Osten des Landes mit 266 Euro und eine Floristin mit 312 Euro auskommen.Die Vorliebe für klassische Mädchen-Jobs mindert die Berufschancen junger Frauen beträchtlich.

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