Wirtschaft : Beziehungspflege: Eine gute Story reicht nicht mehr

Christoph Moss

Weniger Bauch, mehr Kopf - auf diese prägnante Formel bringen Experten die Vorsätze der Investor-Relations-Branche für das kommende Jahr. Investor Relations (IR) ist die gezielte Pflege der Beziehungen zwischen Kapitalgesellschaften und ihren Aktionären. "Es war nicht alles Gold, was da im vergangenen Jahr glänzte", sagt Jörg Pluta, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Im Schnitt, so der Handelsblatt-IR-Monitor, geben Unternehmen am Neuen Markt gerade einmal 774 000 Mark pro Jahr für ihre IR-Arbeit aus. Zu wenig, meint Pluta. Zum Vergleich: Die 30 großen Dax-Unternehmen investieren durchschnittlich 4,7 Millionen Mark, die Unternehmen im MDax und SDax immerhin noch rund eine Million Mark.

Ein positives Beispiel sei die Arbeit bei der Gesco AG, ein SDax-Wert, der seit zwei Jahren börsennotiert ist. "Bei Gesco sieht man deutlich die Bemühungen, die Anleger langfristig und fundiert zu informieren", sagt Pluta. Dagegen seien "Ermüdungserscheinungen" bei vielen Unternehmen am Neuen Markt nicht mehr zu übersehen, sagt Uwe Kamenz, Marketing-Professor an der Fachhochschule Dortmund und Mitbegründer des Profnet-Instituts, das die Investor-Relations-Arbeit deutscher Unternehmen im Internet untersucht. "Viele Unternehmen investieren zum Börsengang in den Aufbau professioneller Internet-Seiten und vernachlässigen anschließend die Pflege", stellt Kamenz fest.

Ähnlich urteilt das Deutsche Aktieninstitut (DAI), das im abgelaufenen Jahr Aktionäre nach ihrer Meinung zur Investor-Relations-Kultur im Internet befragt hat. Unter dem Strich kommen vor allem die großen Standard-Werte relativ gut weg. "Der Internet-Auftritt der Dax-Werte entspricht im Großen und Ganzen der Qualität des Angebots ausländischer Unternehmen", sagt der Autor der Studie, Dietmar Schieber. Nachholbedarf sieht er noch bei den kleineren Aktiengesellschaften: "Deren Internetkommunikation weist noch teilweise erhebliche Defizite auf."

Die meisten Anleger sind dem Deutschen Aktieninstitut zufolge vor allem an klaren Prognosen über die Unternehmensentwicklung interessiert. Dagegen zeigen sie nur geringes Interesse an Formalismen wie der Satzung oder der Besetzung von Vorstand und Aufsichtsrat. Ein grundsätzliches Problem deutscher Aktiengesellschaften sei die Sprache, so das DAI. Generell seien Daten in englischer Sprache bei deutschen Unternehmen seltener zu finden als deutschsprachige Informationen, sagt Schieber: "Dies wird sich in Zukunft ändern müssen". Durch die Entwicklung eines europäischen Kapitalmarktes mit einheitlicher Währung werde dieses Angebot wichtiger werden.

Auch die IR-Branche selbst sieht nach den schweren Kurstubulenzen des Jahres 2000 eine Trendumkehr. "Anleger verlangen wieder nach Fundamentaldaten", berichtet Michael Kempkes, Geschäftsführer bei Haubrok Investor Relations. Das Düsseldorfer Unternehmen ist nach eigenen Angaben einer der führenden Vertreter der deutschen Investor-Relations-Branche. Haubrok betreut zurzeit rund 30 Unternehmen, darunter Viva, Brainpool, RTV und Beate Uhse. Auch das einstige Vorzeigeunternehmen am Neuen Markt, EM.TV, stand schon auf der Kundenliste von Haubrok.

"In der Boomphase der vergangenen Jahre ließen sich Aktien vor allem aus dem Bauch heraus verkaufen", erzählt Kempkes. Eine gute Story und ein paar Visionen hätten oft schon gereicht, um die Anleger zu faszinieren. Nun macht Haubrok einen "Retrotrend" aus: Betriebswirtschaftliche Klassiker unter den Renditekennzahlen wie ROI oder Anlagendeckungsgrad würden künftig wieder stärker kommuniziert werden. Beim ROI (Return on Investment) wird das Verhältnis von Gewinn und Kapitaleinsatz betrachtet. Der Anlagendeckungsgrad untersucht das Verhältnis von Eigenkapital zu Anlagevermögen. Selbst das von vielen Börsianern eigentlich schon längst abgeschriebene Kurs-Gewinn-Verhältnis, das KGV, "wird im kommenden Jahr ein Comeback erleben", sagt Kempkes.

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