Wirtschaft : Bhagwati im Interview: "Globalisierung verbessert die Lebensbedingungen"

Jagdish Bhagwati (67) ist einer der renommierteste

Jagdish Bhagwati (67) ist einer der renommiertesten Handelstheoretiker. Seit 1980 lehrt der Ökonom an der Columbia University in New York. Bhagwati beschreibt sich als linksliberal. Er schreibt derzeit ein Buch über die Argumente der Globalisierungsgegner.

Herr Bhagwati, seit dem G-8-Gipfel in Genua wird erbittert über Globalisierung gestritten. Viele Gegner wollen die Interessen der Dritten Welt vertreten. Tun sie das wirklich?

Diese jungen Leute sind idealistisch und davon überzeugt, dass sie etwas Gutes tun. Viele verstehen aber noch nicht, dass sie gerade nicht die Interessen der Leute vertreten, mit denen sie sich solidarisch zeigen.

Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen fordern verbindliche Sozialstandards in der ganzen Welt. Ist das gut?

Die Gewerkschaften wollen den anderen Sozialstandards vorschreiben, weil sie Angst vor Wettbewerb haben. Sie wollen in anderen Ländern die Standards erhöhen und hoffen, dass dadurch die Löhne dort steigen und die Wettbewerbsfähigkeit zurückgeht. Um Importe zu verhindern, erhöhen sie die Produktionskosten im Ausland.

Im November soll eine Ministerkonferenz in Katar eine neue Welthandelsrunde beschließen. Wie stehen die Chancen für eine Aufnahme von Sozialstandards in die Agenda?

Ich glaube nicht, dass das verhandelbar ist. Die Entwicklungsländer wollen noch nicht einmal, dass innerhalb der Welthandelsorganisation eine Forschungsgruppe eingerichtet wird. Aber man kann Sozialstandards ja auch in anderen Organisationen ansiedeln, zum Beispiel bei der Internationalen Arbeitsorganisation Ilo. Ich bin ein großer Freund des freiwilligen Programms für die Abschaffung von Kinderarbeit, das von der Ilo geleitet wird. Die EU ist bereit, dort Sozialstandards zu behandeln. Aber ob die US-Demokraten da mitmachen, ist schwierig vorherzusagen. Sie wollen das Thema in der WTO verankern, weil die Sanktionen aussprechen kann.

Wieso?

Die Demokraten sind von den Gewerkschaften abhängig. Und die verfügen in den USA ebenso wie einige Nicht-Regierungs-Organisationen über eine machtvolle Maschinerie. Sie haben Armeen von Anwälten und sind sehr zahlungskräftig.

Die Globalisierungsgegner werfen den Konzernen vor, dass sie die Menschen der Dritten Welt ausbeuten, weil sie schlechte Löhne zahlen.

Ich habe mit meinen Studenten über Löhne von ausländischen Unternehmen in der Dritten Welt geredet: Sie hatten noch nie gehört, dass dort die Löhne im Regelfall deutlich über dem Durchschnittslohn liegen. Da kann man doch nicht von Ausbeutung reden.

Wie kann man all diejenigen überzeugen, die nicht bei Bhagwati im Seminarraum sitzen?

Wir müssen versuchen zu verstehen, warum die Demonstranten bestimmte Sachen ablehnen und dann zeigen, warum das falsch und unsozial ist. Ich bin optimistisch, dass das gelingt. Wenn wir Globalisierung und Freihandel vorantreiben, verbessern wir in der Regel auch die Lebensbedingungen. Nachdem sich etwa Indien Anfang der 90er Jahre geöffnet hat, haben sich die Wachstumsraten fast verdoppelt, und die Armut hat sich verringert. Der Analphabetismus ist in den letzten 15 Jahren gesunken, weil sehr arme Eltern ihr viertes Kind zur Schule anstatt zur Arbeit geschickt haben. Frauen haben angefangen zu arbeiten. Auch das war ein großer Fortschritt. Wirtschaft hat etwas mit Wandel zu tun. Sie hat viele soziale Projekte befördert.

Wieso braucht man dazu die Welthandelsorganisation WTO?

Weil sie die Partner bindet. Es gab bereits Erfolge, etwa während der Finanzkrise 1998 in Asien. Im Gegensatz zu dem Protektionismus, der 1930 überall auf die große Depression folgte, ist dies nach der Asienkrise nicht passiert. Einer der Gründe dafür ist die WTO: Sie schreibt allgemein akzeptierte Regeln vor, bis zu welchem Niveau man etwa Zölle erheben darf.

Die WTO ist also in Wirklichkeit der Schutzpatron der Entwicklungsländer?

Die WTO ist die einzige demokratische Institution, in der die armen Länder wirklich repräsentiert sind. Und sie hat das Glück, von Michael Moore geführt zu werden, einem charismatischen Mann, der selbst aus der Gewerkschaftsbewegung kommt. Im Vergleich dazu ist der Chef des Weltwährungsfonds (IWF), Horst Köhler, ein Bürokrat. Und Weltbank-Präsident James Wolfensohn nur ein Kleinstadt-Banker, der sich seinen Weg zu dem Job erkauft hat, indem er den amerikanischen Demokraten Geld gegeben hat.

Trotzdem gibt es doch in allen Ländern - auch den Industrienationen - Verlierer der Globalisierung. Wie soll man denen helfen?

Wir müssen ein soziales Netz für diejenigen bereitstellen, die durch Handelsliberalisierungen ihre Arbeit verlieren. Das können manchmal ganze Gemeinden sein. Die Weltbank sollte vor allem WTO-geleitete Handelsliberalisierungen unterstützen.

Wären regionale und bilaterale Handelsabkommen eine Alternative zu der neuen Handelsrunde?

Nein. Je mehr regionale und bilaterale Abkommen es gibt, um so mehr Unternehmergruppen haben ihre Bedürfnisse bereits darin befriedigt. Sie haben kein Interesse mehr daran, sich für ein multilaterales System zu engagieren. Dasselbe gilt für die sektoralen Abkommen. Je mehr man das verfolgt, desto mehr zieht man Leute aus dem multilateralen System ab. Für Telekom-Unternehmen gibt es keinen Grund mehr, sich für WTO-Anliegen zu engagieren, nachdem vor einigen Jahren für diese Branche ein gesondertes Liberalisierungsabkommen geschlossen wurde. Am Ende schrumpft so die Verhandlungsmasse, die bei einer allgemeinen Handelsrunde zur Verfügung steht.

Sie zählen als Auswanderer selbst zu den Gewinnern der Globalisierung. In Deutschland wird derzeit diskutiert, wie man Fachkräfte aus armen Nationen wie Indien abwerben kann. Sollten die Entwicklungsländer einfach tatenlos zusehen, wie ihre besten Talente abgezogen werden?

Ich habe eine Idee entwickelt, die vermutlich aus Schuldgefühlen entstanden ist, weil ich als Inder selbst mein armes Land verlassen habe. Wir Migranten profitieren enorm. Es geht uns entscheidend besser als vorher. Deshalb sollten wir einen gewissen Teil unseres Einkommens an unsere Herkunftsländer abführen. Ich nennt das die Bhagwati-Steuer.

Wollen Sie die Emigration aus Entwicklungsländern behindern?

Ich denke, heute gibt es einen Widerstand gegen alle Versuche, Migration zu beschränken. Und das ist gut so. Wir müssen zu einem Diaspora-Modell kommen, einem System, das mehr der Promiskuität als der Heirat ähnelt. Man kann die Leute nicht dazu zwingen, immer gegenüber ihrem Heimatland treu zu sein - wie in einer Heirat. Promiskuität heißt: man geht von Zeit zu Zeit zurück. Wir müssen die Gemeinschaften, die im Ausland leben, zuhause integrieren.

Herr Bhagwati, in Seattle ist der Versuch einer Welthandelsrunde gescheitert. Wie schätzen Sie die Aussichten für den neuen Versuch in Katar ein?

Ich bin pessimistisch. Wir werden vermutlich nur eine Deklaration bekommen und einen Vorbereitungsausschuss einberufen, der eine Agenda ausarbeitet.

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