Wirtschaft : Bianca Gutjahr

(Geb. 1910)||Die Liebe spielte keine große Rolle. Eleganz war wichtiger.

Kirsten Wenzel

Die Liebe spielte keine große Rolle. Eleganz war wichtiger. Fein frisiertes, weißes Haar, aufrechter Gang, Seidenkleid und Stola: so viel Eleganz sieht man selbst in Berlins „Klein-Paris“ nicht an jeder Straßenecke. Die kleine, zierliche Dame fiel auf in der Gegend um den Ludwigkirchplatz. Bianca Gutjahr überquerte ihn täglich. Um etwas zur Änderungsschneiderei zu bringen, beim Gemüsehändler ihre drei Tomaten und zwei Kartoffeln mit selbstbewusster Sorgfalt auszusuchen, oder zu festlichen Anlässen Käse und Honig bei „Maître Philippe“ zu erwerben. „Bonjour, Madame“, rief der Eierhändler über den Platz, denn für ihn war sie natürlich „die kleine Französin“. Dabei stammte sie aus der Schweiz.

Aus einem kleinen Ort in der Nähe von Lausanne war sie Anfang der dreißiger Jahre fortgegangen, um in der Weltstadt Berlin als Hauslehrerin für Französisch ihr Glück zu suchen. Theater, Oper, schöne Kleider, vornehme Gespräche, das sollte ihr Leben werden. Ihre italienischen Eltern betrieben einen kleinen Lebensmittelladen und hatten zehn Kinder. Einfache Verhältnisse, viel Arbeit. Doch das erfuhren die Berliner Freunde der „Madame“ erst nach ihrem Tod. Was ihr unangenehm war, konnte sie ganz gut verschweigen. Oder sie wechselte in ihrem wunderbar fließenden und ziemlich schnellen Französisch so elegant das Thema, dass man es kaum merkte.

Die Wahrheit durfte um der Schönheit willen schon ein wenig aufgebessert werden: So heiße sie eigentlich Blanche, berichtete sie einmal einer Freundin. Doch habe sie ihren Namen in „Bianca“ geändert, als sie 1932 nach Berlin ging, um zu verhindern, dass die Berliner so ordinär „Blangsch“ sagen. Eine nette Anekdote, doch ob sie wahr ist, sagt der Sohn, wer weiß das schon?

Die Figur, die sie abgab, war ihr wichtig. Es ehrte sie, dass Frau Dreyfus aus Berlin, Gattin eines reichen jüdischen Bankiers, eigens in die Schweiz reiste, um in einem persönlichen Gespräch zu prüfen, ob sie sich eignen würde, ihr und dem zwölfjährigen Töchterchen die französische Sprache beizubringen – und sie anschließend sofort engagierte. Das Haus der Dreyfus’ in Tiergarten ließ denn auch an Vornehmheit nichts zu wünschen übrig, es gab einen Chauffeur, einen Butler, eine Köchin, und bei Tisch wurde selbstverständlich Französisch parliert. Davon schwärmte Bianca Gutjahr oft. Doch wie lang sie bei der Familie in den Jahren nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bleiben konnte, das fand sie nicht so erzählenswert. „Danach“, plauderte sie weiter, „habe ich dann bei reichen Russen unterrichtet:“

1938 heiratete sie einen Deutschen, 1939 wurde er eingezogen, kurz danach kam ihr Kind zur Welt. Ihr Deutsch hatte sie schon auf der höheren Handelsschule in Lausanne gelernt und vor allem durch viel Lektüre. Es war fehlerfrei, wenn auch etwas altmodisch. Doch am liebsten sprach sie Französisch: auch mit ihrem kleinen Sohn, in Bus und Straßenbahn, mitten im Krieg.

Die Ehe dauerte nicht lange. Nach der Rückkehr des Mannes von der Front trennten sie sich, und er wanderte nach Australien aus. „Ich habe nie einen Mann à la folie geliebt“, gestand sie später. Dabei gab es genügend Verehrer und Bewunderer, Männer, die ihr großzügige Geschenke machten: Handtaschen aus Krokodilleder, einen Pelzmantel und Kaschmir-Tücher. Doch nie den einen, mit dem sie das Leben hätte teilen wollen. Das Thema Liebe spielte für sie einfach nicht die größte Rolle. Eleganz war wichtiger.

Im „Maison de France“ fand sie eine Anstellung, und über die Jahre scharte sich ein größeren Kreis privater Französisch-Schüler um sie. Der Ex-Mann schickte Ansichtskarten und Fotos, warb um den Sohn, der es weit weg von den deutschen Trümmern „dort drüben doch viel besser hätte“. Mit Erfolg. Mit 15 Jahren sagte der Sohn zu seiner Mutter eines Abends: „Ich will nicht in die Oper, ich will nach Australien!“ Da ließ sie ihn ziehen. Bewahrte ihm jedoch lebenslang sein Zimmer in ihrer geliebten, wenn auch für die kleine Rente später viel zu teuren Altbauwohnung in der Emser Straße, auf deren langem Korridor sie Opern-Arien trällerte. Sie freute sich über Besuche aus Australien, und genoss im Übrigen ihre Unabhängigkeit, und die Zeit für Kunst und Literatur, kultivierte Begegnungen, die kostbaren Kleider, Schals und Mäntel, um die sie viele beneideten.

„Je commence à vieillir“ – „Ich beginne, alt zu werden“, sagte sie, als sie 92 wurde. Ihr kerzengerader Körper fing da an, langsam in sich zusammenzusinken. Nach einem Schlaganfall musste sie, die immer für sich selbst gesorgt hatte, gar die Pflege durch einen jungen Mann aus Ost-Berlin erdulden, der, wie sie vorwurfsvoll-staunend feststellen musste, jeden Satz mit einem „wa“ abschloss. Ihren 95. Geburtstag feierte sie im Pflegeheim am Fasanenplatz im Kreis von Freunden, Weihnachten sah sie ihren Sohn zum letzten Mal. Doch sprechen konnte sie da schon nicht mehr.

Im Sommer reiste ihr Sohn nach Lausanne, die Urne von Bianca Gutjahr sorgfältig im Gepäck verstaut. Er mietete Motorboot und Fahrer und ließ sich nach „Belle Rive“ bringen. Dort, wo sie als Kind gebadet und gespielt hatte, verstreute er ihre Asche im Genfer See.

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