Wirtschaft : Bianca Müller

Geb. 1954

David Ensikat

Sie war mal ein Kriminalhaupt- kommissar. Ein Mädchen war sie nie. Leben oder Tod. Mann oder Frau. Du kannst dich entscheiden. Es gibt Tabletten, es gibt die Chirurgie.

Wer nichts von Bianca Müller verstanden hat, der könnte ihr Leben und Sterben so deuten. Sie hieß einmal Frank, ging zum Arzt und war danach Bianca. Sie kam mit dem Leben nicht klar und wählte den Tod. – Älter als 50 werde ich nicht, hat sie gesagt.

Am 17. Mai 2004 ist sie 50 geworden. Es war ein wunderschöner Tag. Mit zwei Freundinnen und einem Freund hat sie ihn verbracht, mit den Menschen, die ihr am liebsten waren. Nach München sind sie geflogen, mit einer DBA-Maschine natürlich. DBA war Biancas Lieblingsfluggesellschaft, von denen hatte sie ein Stewardessenhalstuch. Das trug sie. Und natürlich saß sie auf ihrem Lieblingsplatz im Flugzeug, ganz vorn, da, wo man die Beine ausstrecken kann. Sie war ein Meter 80 groß, sie hatte sehr lange Beine.

Die ragten aus dem kurzen, engen Rock hervor, oben trug sie eine weiße Bluse und ein dunkles Jäckchen. Eigentlich sah Bianca aus wie eine in die Jahre gekommene Stewardess. Schlanker Körper, schmale Arme, hohe Brüste, dunkle, lange Mähne über dem herben Gesicht. Große Nase, weit auseinander stehende, graue Augen unter grellen Lidschatten, tiefrot geschminkter, großer Mund.

Sie fiel auf. Sie war eine Diva und gar kein Mädchen.

Ein Mädchen war Bianca nie gewesen. Vielleicht war das ihr größtes Problem. Nicht die mobbenden Kollegen. Nicht die Gerichtsprozesse. Nicht die Frage: War ich einmal ein Mann oder ein Zwischenwesen?

Als Bianca noch Frank hieß und ein Junge war, vielleicht vier Jahre alt, da zog ihm seine Mutter, nur mal so, einen Petticoat an. Verwandte waren zu Besuch, man lachte, fand das Kind mit den blonden Löckchen ganz besonders süß. Und Frank genoss den Augenblick. Er hat sich ihm eingeprägt wie ein Schlaglicht. Später ist er heimlich an den Kleiderschrank der Mutter gegangen, hat ihre Sachen angezogen und sich darin wohl gefühlt.

Natürlich hat die Mutter das irgendwann gemerkt, sie hat geschimpft – so was tut man nicht! Das ist pervers! Schämen sollst du dich!

Natürlich hat sich Frank geschämt. Er war doch ein Junge und kein Mädchen. So was tut ein Junge nicht!

Die Nachbarin, eine Stewardess, hat mal ein paar alte Dienstsachen bei den Müllers gelassen, für Ostverwandte. Für Frank war das ein großes Glück. Da konnte er was abzweigen. Als die Mutter bei ihm den blauen Uniformrock fand, machte sie Frank eine fürchterliche Szene – und ein Mitschüler war dabei. Am nächsten Tag riefen sie in der Schule: „Mädchen! Mädchen!“ Auf dem Hof schlugen sie auf ihn ein.

Frank hat die Mitschüler überzeugen können, dass alles ein dummes Missverständnis sei: Er habe aus dem Rock eine Hertha-Fahne nähen wollen! Er ist dann auch zu Hertha-Spielen hingegangen.

Und er hat gelernt, dass er sich männlicher als alle anderen verhalten sollte.

Am liebsten wäre er Stewardess geworden, aber er wurde Polizist. Und was für einer: Bei der Kripo ist er gelandet, „Leichenmüller“ haben sie ihn genannt. Weil er sich so für die Mordopfer interessierte, überhaupt fürs Medizinische, Pathologische. Und er war ein Einzelgänger. Spielte unter Kollegen immer den Harten. War bei Kolleginnen als Macho verschrien. Niemand wusste viel mit ihm anzufangen.

Er wusste ja selbst nicht, wer er war. Zu Hause fiel alles Harte ab, da zog er sich Frauensachen an. Und irgendwann erkundigte er sich bei Ärzten, was mit ihm los sei, Mitte der achtziger Jahre war das. Er sei ein Mann im falschen Körper, bestätigten sie ihm, so etwas gebe es, er sei nicht der Einzige. Eine Krankheit sei das, keine Perversion. Eine Krankheit, die man nicht heilen, aber behandeln könne. Mit Hormonen.

Franks Brüste begannen zu wachsen. Zu Hause freute er sich darüber, im Dienst verbarg er sie unter weiten Sachen.

Sein Leben war ein ständiges Hin und Her, ein Suchen, nie ein Finden. Es gab da eine Freundin, die wusste nicht, wie es um Frank stand. An ihrer Seite glaubte er, vielleicht doch ganz Mann zu sein. Er hoffte. Und er ließ sich die gerade gewachsenen Brüste wieder aboperieren.

In München, zur Feier des 50. Geburtstages sind sie in den Ratskeller gegangen, Weißwürste essen. Die aß Bianca fast so gern wie Currywürste. Aber Currywürste kann man in Berlin immer haben, zum 50. sollte es was Besonderes sein. Es hätte ja ihr vorletzter Tag auf Erden sein können.

Dass sie sich am 18. Mai 2004 das Leben nehmen würde, hatte sie vielen gesagt. Eine Psychologin hatte ihr darauf Adressen von Psychotherapeuten gegeben. Zu denen ist Bianca nicht gegangen. Als sie sich am Abend des 17. Mai von ihren Freunden verabschiedete, da umarmte sie sie nicht. So eng war die Freundschaft nie gewesen. Aber die Freunde waren sich einigermaßen sicher, dass Bianca ihre Drohung nicht wahrmachen würde.

Tatsächlich, sie hatte nur mit dem Gedanken gespielt. Wie schon so oft. Wenn es eine Konstante in diesem Leben gab, dann war es die ständige Todesnähe.

Man kann gewiss sagen, dass Frank und dann Bianca ein konsequenter Mensch war. Aber wie viel Überwindung kostet diese allerletzte Konsequenz?

Ein knappes Jahr später ist sie gestorben, am 27. April hat man Bianca gefunden. Die Obduktion ergab: Tablettenvergiftung. Vielleicht hat sie es so gewollt, vielleicht auch nicht. Sie war schwer tablettenabhängig, sie hat keinen wirklichen Abschiedsbrief hinterlassen, sie hatte diesmal keinen Selbstmord angekündigt.

1993 hatte Bianca geschrieben: „Zur Gegenwart stelle ich fest, daß ich offensichtlich den richtigen Weg gewählt habe, denn ich bin mit mir selbst absolut glücklich und zufrieden, kann mich wohlgefällig im Spiegel betrachten und mich an meinem nun endlich totalen weiblichen Aussehen erfreuen, immer wieder feststellen, wie hübsch ich doch (geworden) bin.“

Frank war 38 Jahre alt, als er seiner Freundin sagte, dass es so nicht weitergehe. Er war 38 Jahre alt, als er Bianca wurde. Psychologen hatten ihm die Not attestiert, die Krankenkasse zahlte. Sie bekam eine Vagina und Brustimplantate, sie ließ die Wurzeln der Barthaare veröden. Alles schmerzhafte Angelegenheiten, die sie mit Freude an sich verrichten ließ.

War sie angekommen? Hatte Bianca sich gefunden?

All ihr Sehnen hatte der Körperkorrektur gegolten. Und jetzt, da sie sich im richtigen Körper wähnte, sah es so aus, als sei sie in die falsche Welt geraten. In eine Welt, die kein Verständnis für ihr Glück und Unglück hatte. Die meisten Kollegen von einst wollten mit diesem neuen Menschen nichts zu tun haben. Der von damals war ihnen nicht geheuer, dieser nun – das ging zu weit. Bianca schrieb auf, wie es ihr und Frank ergangen war, ein langes, intimes Traktat über sich und die Transsexualität, sie warb um Verständnis – und sie stieß auf eine Mauer. In ihre alte Dienststelle konnte sie nicht zurück. Die Polizeiführung setzte sie anderswo ein.

Was ist Mobbing? Die Polizeibehörde definiert: Mobbing ist, wenn jemand mindestens sechs Monate lang mindestens zwei Mal pro Woche einem „Angriff psychischer Art“ ausgesetzt ist. Wer wollte das nachweisen? Kein Wunder, dass es in der Polizei kaum Mobbing gibt, offiziell. Kein Wunder, dass sich Bianca Müller in einen aussichtslosen Kampf verstrickte: Mobbing überall! So sah sie das.

Sie wurde zur Expertin, sie wendete sich an die Öffentlichkeit. Sie geriet in Streit mit jedem, der ihre Sicht der Dinge nur leicht anzweifelte. Sie war kein Mensch der Zwischentöne.

Sie war ja auch kein Zwischenwesen mehr. Sie war jetzt Frau, und basta. Allen, die das anzweifelten, erzählte sie ihre Geschichte. Und sie erzählte diese Geschichte immer wieder etwas anders. Etwas vollständiger, wenn man so will.

Bianca gab irgendwann zu Protokoll, dass sie nie Mann, sondern Hermaphrodit gewesen sei, ein Mensch beiderlei Geschlechts, den seine Eltern, die einen Jungen wollten, zum Jungen hätten operieren lassen. Sogar schwanger sei sie mal gewesen.

Ist das wichtig? Was ist schon wahr? Wahr ist, dass Bianca todunglücklich war. Dass sie Lebenssinn nur aus dem Kampf bezog. Dem Kampf um ihre Opferrolle, um die Rechte anderer Mobbingopfer. Wahr ist, dass sie furchtbar einsam war. Dass ihr niemand helfen konnte, weil sie niemals schwach erscheinen wollte.

Bianca, die Kämpferin. Die als Junge gelernt hatte, dass man stark sein muss. Damals hatten die anderen Jungs gerufen: „Mädchen! Mädchen!“ Ein Schimpfwort.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben