Wirtschaft : Bibiena Houwer

Geb. 1960

Kirsten Wenzel

Frei sein, im Kontakt mit den Geheimnissen der Welt! Wenn Sie jetzt, in diesem Moment, alles zurücklassen müssten, bis auf eine einzige Sache – was würden Sie mitnehmen? Den Ausweis, die geerbte Uhr, den Schäferhund? Das goldene Engelsbild überm Bett, die Blutdrucktabletten, das Bargeld?

Zu sehen ist ein Dokumentarfilm des bayerischen Rundfunks aus den achtziger Jahren. Die junge Reporterin trägt die Frage in die Münchner Wohnstuben, die Interviewten halten ihre Schätze in die Kamera, im Hintergrund steht der Regisseur, mit Ledermantel und Kippe im Mundwinkel. Er nennt Bibiena „Mädchen“. „Manche Leute“, sagt er, „öffnen sich mehr, wenn so ein nettes Mädchen wie Bibi sie fragt.“ Es dauert nicht lange, da richtet sich die Kamera auch auf sie, die Reporterin. „Diesen Stein würde ich mitnehmen“, sagt Bibiena und hält ein Stück graue Materie in die Kamera „ein Stück Vulkan aus Mexiko, voll unerkannter Energien. Die Mayas wussten noch davon, doch wir längst nicht mehr.“

Die Welt von Lebensversicherung und Bausparvertrag, des „bürgerlichen Besitz- und Sicherheitsstrebens“ ist ihre Sache nicht. Frei sein, kreativ und im Kontakt mit den Geheimnissen der Welt – worum sonst soll es im Leben gehen?

Mit 18 hat sie das Abitur geschmissen, ist nach New York gegangen, zusammen mit einem Mann, der Filme macht. In New York lernt sie Filmschnitt, zurück in München arbeitet sie für Helmut Dietl, Dieter Wedel, Werner Schröder. Doch eigentlich sucht sie mehr als nur einen Job, der sie ernährt. Eigentlich glaubt sie, dass erst die Abwesenheit von materiellen Dingen sie richtig leben, das Leben wirklich spüren lässt.

Als ihr späterer Ehemann sie in Amsterdam kennen lernt, beim Entwerfen eines Plakates, das den Bürgern der Stadt die Freude am Autofahren vermiesen soll, indem es ein Kind mit Gasmaske zeigt, nennt längst niemand sie mehr „Mädchen“.

Sie trägt ein existenzialistisches Tuch um die hohe Stirn gebunden, Jeans und Westernstiefel, sie ist „tough“ und besteht jede basisdemokratische Kampfdiskussion.

Malerin ist sie nun, in ihrer Wohnung stapeln sich die großformatigen Bilder, sie bekommt recht lukrative Aufträge für riesige Wandbilder, die Ausgestaltung einer ganzen Kapelle zum Beispiel.

Warum geht sie trotzdem fort, lässt es später ganz sein mit der Malerei? Ist der merkwürdige Einbruch in ihrem Atelier schuld, bei dem fast alle ihre Bilder gestohlen werden? Oder treibt sie einfach die ewige Unruhe weiter, tief hinein in die Welt der Offkultur mit ihren zuweilen rauen Sitten, den riesigen Freiräumen und herumliegenden Bierflaschen.

Sie geht mit ihrem Mann nach Mannheim, zum „Industrietempel“, wo sie mit Gymnasiasten Tag und Nacht Theater probt. Die Schüler nennen sie voller Verehrung „Priesterin“, und Bibiena residiert entsprechend: in 50 Zimmern. Als Kapitalistin muss sie sich trotzdem nicht fühlen. Es gibt keine Heizung, kein warmes Wasser in ihrem Palast, und oft auch nichts zu essen. Dafür Freiheit ohne Grenzen, radikale Erfahrungen, harte Arbeit und das Sprudeln der Ideen. Was macht es da, dass die Priesterin sich nicht um ihre Gesundheit schert und öfters mal erkältet ist?

Sie zieht weiter, vom Industrietempel in ein leeres Theaterschloss in Mecklenburg, wo sie Tag und Nacht arbeitet, ein Kind bekommt und sich vom Ehemann in Freundschaft trennt. Von da nach Berlin, wo sie den „RAW-Tempel“ mitgründet, ein Projekt, für das sie ihren Sohn mit dem Vater nach Holland ziehen lässt. Ein Kulturzentrum an den Bahngleisen von Friedrichshain, wo schon bald in ehemaligen Rangierhallen Ateliers, Werkstätten und Technopartys blühen, doch zugleich auch Machtspiele und Begehrlichkeiten wachsen um die riesige Spielwiese mitten in der Stadt.

Eines Tages sagt sie plötzlich: Genug, und geht fort, zurück nach Amsterdam. Endlich Zeit mit dem Sohn verbringen, den sie vorher nur in den Ferien besucht hat. In Amsterdam wohnt sie nur kurz in einer richtigen Wohnung mit Marmorbad und Zentralheizung. Da wird sie krank – bekommt Krebs. Als sie schon schwach ist und längst eine Perücke trägt, verfasst sie noch ein Buch über die schlechten Manieren der holländischen Männer, sowie ein Traktat mit dem Titel „Der Papst und ich“. Und sie sagt zu ihrem Exmann: „Ich habe nun die feine Nadelarbeit als Kunst der Künste entdeckt“. Sie stickt Blumen und Pflanzen auf Kissenbezüge. Im Miniaturformat.

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