Wirtschaft : Bier: Direkt an der Quelle: Brauen live erleben in Berliner Gaststätten

Rainer W. During

Neben den traditionellen Bierfabriken, die Gaststätten ebenso beliefern wie Supermärkte, hat sich seit Mitte der 80er Jahre eine neue Spezies von Gerstensaft-Produzenten entwickelt - die Brauhaus-Gaststätten. Bei dieser besonderen Form der Erlebnisgastronomie stehen die Sudkessel im Lokal, können die Besucher dem Brauer bei der Arbeit zuschauen. Zehn Privat- und Gasthausbrauereien gibt es in Berlin, so die Zollbehörde. Sie ist zuständig, weil die Brauer Biersteuer abführen müssen, die kleinen Unternehmen zahlen einen ermäßigten Satz. Bei leichter Fluktuation ist die Zahl der Betriebe seit Jahren weitgehend konstant.

Im Vergleich zum Jahresausstoß der großen Brauereien, der im Bereich zwischen 500 000 und mehr als einer Million Hektoliter liegt, ist die von den Kleinbetrieben produzierte Menge Gerstensaft mit 50 bis 230 Hektolitern verschwindend gering. "Wenn man es schafft, die hohen Investitionen im technischen Bereich abzuzahlen, kann man mit der Brauerei auch Geld verdienen", sagt Werner Niklefski. Er ist einer der Inhaber des Brauhauses Spandau. Rund 1,2 Millionen Mark haben das Sudwerk und der Lagerkeller gekostet.

Seit Ende 1994 fließt hier das Spandauer Havelbräu aus dem Zapfhahn, ein ungefiltertes, vollmundig-malziges Bier mit wenig Kohlensäule (0,4 Liter zu 3,10 Euro). Dazu gibt es eine rustikale Küche mit Leberkäs, Schweinshaxe und Kasslerbraten. In der ehemaligen Heereswäscherei von 1890 ist das eigene Gebräu nur ein Teil vom Erlebniswert. Vom sonntäglichen Frühschoppen bis zum Oktoberfest gibt es ein vielseitiges Unterhaltungsprogramm. Der Renner sind die zusätzlich gebrauten, saisonalen Biere, deren Anstich jeweils zünftig gefeiert wird. Am 28. April hat das diesjährige Mondscheinbier Premiere, am 2. Mai folgt der Maibock. Rund 230 000 Liter werden während eines Jahres produziert.

Auf deftig-bürgerliche Küche setzt man auch in Berlins ältester Gasthausbrauerei am Charlottenburger Luisenplatz. Seit 1987 gibt es hier das Luisenbräu als süffig-würziges Hell und herberes Dunkel (0,4 Liter zu 3,20 Euro), natürlich unfiltriert. Daneben setzt Braumeister Norbert Klostermann auch ein Weizen an. Die Jahresproduktion liegt bei 200 000 Litern. Tagsüber bevölkern meist Touristen die 250 Plätze im Gastraum und auf der kleinen Terrasse, von der man auf das Schloss Charlottenburg blickt.

"Wir wollen weg von der bayerischen Schmankerl-Mentalität und mehr ein jüngeres Publikum ansprechen", sagt Oliver Lemke. In den S-Bahnbögen an der Dircksenstraße in Mitte, unweit vom Hackeschen Markt, hat er 1999 eine der kleinsten Gasthausbrauereien Berlins eröffnet. Im Gegensatz zur Konkurrenz wurde die Anlage nicht gekauft, sondern selbst gebaut. Das Lemke Original (0,3 Liter für 2,30 Euro) ist eine Art Altbier mit dezenter Rauchnote, das Hell erinnert geschmacklich an Kölsch, verzichtet aber auf dessen Bitternis. Dazu sind zusätzlich zwei ständig wechselnde Sorten im Angebot. Insgesamt werden jährlich etwa 50 000 Liter produziert. Die 130 Innenplätze werden ergänzt durch einen versteckt an der Rückfront liegenden Biergarten mit 150 Plätzen. Das Essen ist vielfältig und reicht von japanische Jakituri-Spieße über Steaks bis hin zu Kassler im Brotteig. Sein Bier bietet Lemke im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten mit Hilfe einer befreundeten Brauerei auch in Flaschen an und plant mit dieser Fremdproduktion auch andere Gaststätten zu beliefern.

Die Wirtschaftsflaute, die auch das Gaststättengewerbe belastet, bekommen die Wirtshaus-Brauereien ebenfalls zu spüren, wenn auch in etwas abgeschwächter Form. Frank Lemke erwartet einen um zehn Prozent geringeren Umsatz als im Vorjahr. "Die Leute überlegen schon eher, ob sie noch ein zweites Bier bestellen", sagt Nils Clasen. "Der Bierabsatz sinkt. Aber durch unsere Spezialitäten und besonderen Veranstaltungen sind wir nicht so stark vom Umsatzrückgang betroffen wie viele andere", sagt Werner Niklefski.

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