Wirtschaft : Biete Gartenarbeit gegen Fensterputzen - Tauschringe kommen ohne Bargeld aus

CONNY BÜRGER

"Bei uns wird nicht bezahlt, bei uns wird getauscht." Getreu diesem Motto praktizieren der Kreuzberger Tauschring in der Urbanstraße und weitere 143 Tauschringe in Deutschland tatkräftige Nachbarschaftshilfe: Frau M. betreut den Sohn von Herrn K., der tapeziert die Wohnung von Frau S., die wiederum bei Herrn D. die Wohnung putzt. Und da Herr D. die Waschmaschine von Frau M. repariert, hat die eben Zeit, auf den Sohn von Herrn K. aufzupassen. Das Besondere daran: Niemand bezahlt oder bekommt auch nur einen Pfennig für die Dienstleistung. Und dennoch ist jede der genannten Personen beim nächsten Mal wieder hilfsbereit, denn sie sind Mitglieder eines Tauschrings, eines LETSystems, wie es auf neudeutsch heißt. LETS, das ist die Abkürzung für ein Local Exchange Trading System, ein örtliches Austausch- und Handelssystem.Alle Modelle funktionieren nach dem gleichen Grundprinzip: Die Teilnehmer bieten ihre Leistung an, die mit einer eigens geschaffenen Verrechnungswährung - Kreutzer, Blüten, döMak - bezahlt wird. Über Leistungen und Gegenleistungen jedes einzelnen wird ein Konto bei einer zentralen Stelle geführt. Tauschvorgänge schlagen sich auf den jeweiligen Konten der Teilnehmer durch entsprechende Buchungen auf der Soll- oder Habenseite nieder. Das System funktioniert dann gut, wenn möglichst viele Teilnehmer Leistungen und Produkte anbieten und nachfragen und eine zentrale Stelle die Partner effizient vermittelt und über die ausgetauschten Leistungen Buch führt.Der bargeldlose Austausch von Leistungen und Produkten zwischen Privatpersonen, Organisationen und Kleinunternehmen ist nicht neu. Schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es geldlose Tauschkreisläufe in Frankreich und England mit sozialreformerischem Hintergrund. Bekannter wurden hundert Jahre später die Freigeldexperimente in Wörgl (Tirol) und Schwanenkirchen (Oberpfalz). In einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit brachte das zinsfreie lokale Notgeld den beiden Gemeinden in kurzer Zeit erstaunlichen wirtschaftlichen Erfolg. 1933 wurden sie als Verstoß gegen das Notenbankenprivileg per Gesetz verboten.Der Begriff LETS taucht erstmals 1983 bei dem von Michael Linton gegründeten Netzwerk in Comox Vally (British Columbia) in Kanada auf. Nach Linton müssen sieben Kriterien erfüllt sein, damit ein Netzwerk als LETS bezeichnet werden kann: Es muß ein Non-Profit-System sein, es darf kein Zwang zum Kauf oder Verkauf bestehen, sämtliche Konten starten mit einem Null-Saldo. Außerdem darf es keine Ein- oder Auszahlungen von Bargeld geben, die Kontostände und das jeweilige Umsatzvolumen zwischen den einzelnen Mitgliedern müssen offenliegen, die lokale Verrechnungseinheit soll wertmäßig mit der jeweiligen Landeswährung gekoppelt werden, Zinskosten und Zinseinnahmen sind verpönt.Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. In einer Zeit, da sich viele Menschen genau überlegen müssen, wofür sie ihr Geld ausgeben, und der Wunsch nach Dienstleistungen gleichzeitig wächst, hat nachbarschaftliche Hilfe Konjunktur. Inzwischen interessieren sich auch staatliche Stellen für die Tauschringe. Ihnen geht es jedoch weniger darum, günstige Bedingungen für die Tauschringe zu schaffen. Fiskus und Sozialbehörden denken verstärkt darüber nach, wie sie deren Einkünfte für sich nutzbar machen können.Wer in einem der Tauschringe mitmachen will, muß sich an die Regeln haltenKonten: Alle Teilnehmer erhalten ein persönliches Konto mit einem Limit für Soll und Haben. Nach Absprache mit dem Tauschring kann das Limit in besonderen Fällen für einen begrenzten Zeitraum erweitert werden. Das Konto darf ohne Absprache weder im Soll (minus) noch im Haben (plus) überschritten werden. Buchungen werden erst dann wieder vorgenommen, wenn der Teilnehmer entsprechende Leistungen erbringt oder in Anspruch nimmt. Über das Konto kann nur der Inhaber verfügen.Transparenz: Innerhalb der meisten Tauschringe ist der Stand aller Konten und der darauf erfolgten Buchungen öffentlich.Buchungen: Bei einem Tauschvorgang übergibt der Käufer dem Verkäufer einen von beiden unterschriebenen Buchungsauftrag, den er im Büro des Tauschrings einreicht. Die Leistungen werden in der entsprechenden Währung auf den jeweiligen Konten ausgewiesen. Materialkosten oder ähnliche in DM vereinbarte Leistungen werden nicht über die Konten verbucht, sondern müssen bar vorbezahlt werden.Haftung: Die auf den Konten verbuchten Soll- und Habenstände stellen moralische Verpflichtungen und moralische Guthaben dar. Sollstände sind Versprechen auf Gegenleistung ohne rechtliche Verpflichtung. Gegenleistungen für Habenstände können rechtlich nicht eingefordert werden. Zwischen den Teilnehmern und dem Tauschring bestehen keine schuldrechtlichen Beziehungen. Der Tauschring übernimmt auch keine Garantie für Wert und Qualität der getauschten Waren und Dienstleistungen, sondern arbeitet ausschließlich als Vermittlungsbüro. Die Verantwortlichkeit für den Tausch liegt bei den Tauschpartnern. Dazu gehört unter anderem das Aushandeln des Tauschpreises. Für eventuell auftretende rechtliche Konsequenzen sind die Tauschpartner selbst verantwortlich.Austritt: Die Teilnehmer können den Tauschring jederzeit verlassen, wenn sie ihr Konto auf Null bringen. Ist dies nicht durch den Austausch von Leistungen möglich, können sie eigene Guthaben auf andere übertragen oder Schulden von anderen übernehmen. Die Regelung ist Privatsache der Betreffenden.

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