Wirtschaft : Biete Idee, suche Millionen

Nach Monaten der Quälerei im „Bootcamp“ hoffen Jungmanager auf Kapital.

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Foto: promo
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Berlin - Espen Systad muss nicht durch den Dreck robben, keine Sit-ups machen und sich auch nicht anschreien lassen. Genau genommen muss der 42-jährige Teilnehmer des ersten „Start-up Bootcamp Berlin“ nur überzeugen. Acht Minuten hat er dafür Zeit. Da Systad aber Investoren dazu bringen soll, ihm und seinem Team von Capsule.fm 1,1 Millionen Euro anzuvertrauen, ist die Aufgabe etwas anspruchsvoller, als ein bisschen militärischen Drill zu ertragen.

Es ist eine der letzten Proben für den großen Tag, den Investor Day. Systad, ein schmaler, blonder Norweger, kann sich noch nicht ganz von seinem Notizzettel lösen. „In Zukunft werden viele Menschen ihre Facebook-Nachrichten und Twitter-Feeds nicht mehr lesen, sondern anhören, weil wir das möglich machen“, wirbt er. Seine Smartphone-App wandelt Texte nicht nur in Sprache um, sondern versorgt Nutzer auch mit individuellen Informationen.

Gemeinsam mit Capsule.fm nehmen zehn Gründerteams an dem dreimonatigen „Bootcamp“ teil. Bevor die Entrepreneure ins Basislager im Kreuzberger Umspannwerk einziehen durften, mussten sie sich gegen mehr als 300 Bewerber aus aller Welt durchsetzen. Der Lohn: 15 000 Euro Startkapital, Büroräume und Zugang zu mehr als 50 Mentoren und Gründungsexperten. Zum Beraterstab gehören die Gründer von erfolgreichen Startups wie 6Wunderkinder, Soundcloud oder eDarling. Finanziert wird die Veranstaltung mit dem martialischen Namen, die schon in Kopenhagen, Dublin, Amsterdam und Madrid stattfand, von zwei niederländischen Business-Angels sowie den deutschen Risikokapitalgebern German Start-up Group und Venista Ventures.

„Wir sind kein Inkubator, der die Gründer im Stillen brüten lässt, sondern ein Beschleunigungsprogramm“, erklärt Initiator Alex Farcet. Die zahlreichen Mentoren seien das eigentliche Kapital. „Wir heißen nicht Bootcamp, weil ich die Gründer hier anschreie, sondern weil ein klassisches militärisches Bootcamp auch drei Monate dauert und die Teilnehmer verändert“, schildert Farcet, ehemaliger DHL-Manager mit französischer Staatsbürgerschaft.

„Im Rückblick kommen mir die drei Monate wie ein ganzes Jahr vor“, sagt Espen Systad. Jeden Tag hätten er und seine Gründungspartner Danielle Reid aus Australien und Tor Langballe aus Norwegen bis zu 14 Stunden an ihrer App gearbeitet. Mit der Erfahrung aus zwei früheren Start-ups wollte er Capsule.fm eigentlich ohne Hilfe aufziehen. Die Bewerbung beim „Bootcamp“ hat er dennoch nicht bereut. „Die Kontakte sind Gold wert.“ Niemals hätten sie sonst ihre Idee so schnell vorführen können.

Für den Investor Day am heutigen Dienstag im Umspannwerk haben sich mehr als 300 Geldgeber aus ganz Europa angemeldet. Jedes Start-up bekommt die Gelegenheit, mit einem Kurzauftritt um Kapital zu werben. „Je nach Idee brauchen die Teams zwischen 200 000 und 1,5 Millionen Euro“, sagt Alex Farcet.

Obwohl unter den knapp 30 Gründern des Bootcamps lediglich ein Deutscher ist, haben bereits sieben der zehn Teams angekündigt, ihren Unternehmenssitz nach Ende des Programms in Berlin zu belassen. Vertraglich ist festgehalten, dass dem Bootcamp acht Prozent eines jeden teilnehmenden Start-ups gehören. Farcet und seine Investoren haben also ein Interesse daran, dass möglichst viele der Ideen zünden. „Es geht mir nicht nur darum, dass die Teams in drei Jahren noch leben, wir wollen hier etwas Gigantisches wie Twitter oder Skype schaffen.“

Josh Jacobsons ist zuversichtlich, dass sein Start-up It’s platonic so ein großer Erfolg wird. Eine Freundesuchmaschine hat der 25-jährige US-Amerikaner aus Denver entwickelt, weil er einst nach dem beruflich bedingten Umzug nach Chicago allein dastand. Singlebörsen gebe es im Internet zwar viele, aber klassische Freundschaften seien dort nicht zu finden. Nun will er It’s platonic weltweit aufziehen. „Wir werden im März mit einer Betaversion starten und hoffen, dass unsere Marke eines Tages eine Milliarde Euro wert sein wird.“ Arne Bensiek

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