Bilanz : Pleitewelle trifft fünf Millionen Arbeitnehmer

Im vergangenen Jahrzehnt gingen 340.000 Firmen in Insolvenz. Doch eine Pleite bedeutet nicht in jedem Fall den Verlust aller Arbeitsplätze. Dennoch: Im kommenden Jahr dürfte sich die Lage eher verschlechtern als verbessern.

Carsten Brönstrup,Malte Conradi
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Im Abseits. Viele bekannte Firmen rutschten in den vergangenen Jahren in die Pleite. Einigen gelang ein Neustart mit anderer...

Berlin - Fünf Millionen Arbeitnehmer in Deutschland haben seit Beginn des Jahrzehnts die Insolvenz ihres Arbeitgebers erlebt. Mithin sei fast jeder fünfte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte seit dem Jahr 2000 Opfer eines Betriebszusammenbruchs geworden, erklärte das Wirtschaftsauskunftei- und Inkassounternehmen Creditreform am Montag. Die meisten Stellen seien im Zuge von Schließung und Sanierung weggefallen. Gläubiger hätten dadurch auf 250 Milliarden Euro an Forderungen verzichten müssen. Zudem hätten fast 600 000 Verbraucher Privatinsolvenz anmelden müssen, hieß es bei Creditreform weiter.

Die spektakulärste Pleite der Dekade ereignete sich in diesem Jahr beim Handels- und Reisekonzern Arcandor, der Mutterfirma von Karstadt und Quelle. 52 000 Beschäftigte waren betroffen. Auch beim Baukonzern Philipp Holzmann (23 000 Stellen) und bei Babcock Borsig (21 000) zu Beginn des Jahrzehnts gingen Arbeitsplätze im großen Stil verloren. Wegen der tiefen Wirtschaftskrise häuften sich 2009 die spektakulären Fälle – darunter die Handelskette Woolworth (9300 Stellen), der Chipproduzent Qimonda (4600) und der Autozulieferer Karmann (3400). Ein prominenter Fall für die Hauptstadtregion war die Pleite von Herlitz im Jahr 2002, damals ging es um 3500 Arbeitsplätze.

Insgesamt traf es seit dem Jahr 2000 rund 340 000 Unternehmen, wie die Creditreform-Experten ermittelten – das sind in etwa so viele Firmen wie es in ganz Nordrhein-Westfalen gibt. Allein in diesem Jahr gab es wegen der Krise ein Plus von 16 Prozent. Doch eine Insolvenz bedeutet nicht in jedem Fall den Niedergang des Unternehmens und der Arbeitsplätze. So fand die Wadan-Werft in Rostock-Warnemünde in diesem Sommer nach der Pleite einen neuen Besitzer, ebenso kaufte Volkswagen Reste des Karmann-Konzerns. Am stark angeschlagenen Unterwäschehersteller Schiesser ist unter anderem der Potsdamer Modedesigner Wolfgang Joop interessiert, das Bewerbungsverfahren läuft noch.

Mit einer deutlichen Zunahme von Firmenpleiten im kommenden Jahr rechnet allerdings der auf Insolvenzrecht spezialisierte Potsdamer Anwalt Christian Brockdorff. „Insolvenzen sind ein klassischer Spätindikator“, sagt Brockdorff mit Blick auf die Konjunktur. Viele Unternehmen müssten erst dann aufgeben, wenn es mit der Wirtschaft schon wieder aufwärts gehe. Für das kommende Jahr rechnen Ökonomen mit einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt von anderthalb Prozent. Um neues Wachstum vorzufinanzieren, sei in dieser Phase Liquidität nötig „Wenn die Firma nach Krisenjahren schlechte Zahlen vorzuweisen hat, wird es aber schwer, von der Bank einen Kredit zu bekommen“, sagte Brockdorff. „Wenn die Märkte wieder anspringen, kippen viele Unternehmen um.“

Besonders im Schiffbau sei eine Pleitewelle wahrscheinlich. Dabei könne es sogar Betriebe treffen, deren Geschäft eigentlich gut läuft. „Es ist ein Problem, dass Finanzinvestoren in Deutschland oft überzogene Preise gezahlt haben. Wenn die Verbindlichkeiten dem übernommenen Unternehmen aufgelastet werden, kommen auch operativ gut laufende Läden in Schwierigkeiten“, sagte der Jurist.

Hinzu kommt, dass die Wirtschaft derzeit über Probleme bei der Kreditvergabe durch Banken klagt. In einer Umfrage ermittelte das Ifo-Institut kürzlich, dass mehr als 44 Prozent der Firmen davon betroffen sind. Jurist Brockdorff spricht von einer „gewissen Zurückhaltung“. Entscheidend für die Frage, ob es frisches Geld gebe, sei der Grund für die Schieflage eines Betriebs: Wenn die Pleite der Krise geschuldet sei, stünde die Chance auf neues Geld sehr viel besser, als wenn Managementfehler verantwortlich seien. Carsten Brönstrup/Malte Conradi

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