Bilanz : Volkswagen spielt auf Angriff

Der VW-Konzern will in der Krise profitieren. Der Milliardengewinn aus 2008 hilft dabei. Und Vorstandschef Winterkorn kassiert mehr als zwölf Millionen Euro.

Henrik Mortsiefer
Winterkorn
Der VW-Vorstand bei der Vorstellung der Bilanz in Wolfsburg. -Foto: ddp

Wolfsburg - Automanager schauen in diesen Tagen lieber in den Rückspiegel. Denn 2008, bevor die Krise eskalierte, lief es für die meisten noch gut. Auch für Martin Winterkorn, den VW-Vorstandschef: Der Volkswagen-Konzern – Europas größter Autohersteller, Nummer drei in der Welt hinter Toyota und General Motors – konnte Umsatz (113,8 Milliarden Euro) und Gewinn (4,7 Milliarden Euro) deutlich steigern. Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte wurde beim Verkauf von insgesamt 6,25 Millionen Autos eine zweistellige Kapitalrendite (10,9 Prozent) erzielt.

Doch der Blick nach vorn verheißt auch für Winterkorn nichts Gutes: „2009 wird ein extremes, ein hartes Jahr – auch für uns“, sagte er am Donnerstag. Er erwarte das schwierigste Jahr der Unternehmensgeschichte. Weder bei Umsatz und Gewinn noch bei der Rendite werde VW die Ergebnisse der Vorjahre annähernd erreichen. Im Januar und Februar lieferte VW 809 000 Fahrzeuge aus, 15 Prozent weniger als im Januar 2008. 100 000 Autos stehen auf Halde. Die Märkte sind weltweit eingebrochen, die Produktion wurde reduziert, Belegschaften in Kurzarbeit geschickt.

VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch hatte deshalb unlängst gewarnt, dass man im ersten Quartal wahrscheinlich rote Zahlen schreiben werde. „Die Entwicklung bestätigt diese Vermutung”, sagte Pötsch jetzt. „Die Talsohle scheint noch nicht erreicht.“ Eine Prognose für das Gesamtjahr wagt man bei VW indes nicht. Auch niemand anderes in der Branche. „Die Geschäftsaussichten bleiben extrem unsicher und mit erheblichen Risiken behaftet“, sagte der VW-Chef. Immerhin: Das Ergebnis soll 2009 positiv bleiben, ein neues Sparprogramm werde es nicht geben. Der Absatz dürfte aber im Gesamtjahr um zehn Prozent sinken. Dank der Abwrackprämie läuft es auf dem deutschen Markt aktuell aber noch prima.

Die Auslieferungen stiegen im Februar konzernweit um elf Prozent, bei der Marke VW sogar um rund 20 Prozent. „Gemessen an den Auftragseingängen war der Februar für Volkswagen der mit Abstand beste Monat seit der Wiedervereinigung“, sagte Winterkorn. Personalvorstand Horst Neumann geht davon aus, dass VW im zweiten Quartal ohne Kurzarbeit auskommen kann.

„Aber machen wir uns nichts vor“, dämpfte Winterkorn die Freude über das Umweltprämien-Feuerwerk. „Der derzeit erfreulichen Entwicklung in Deutschland stehen unverändert dramatische Einbrüche in den USA, Japan und Europa gegenüber.“ VW verkauft mehr als 80 Prozent seiner Produktion im Ausland. Mit mehr als 180 verschiedenen Modellen steht der Konzern im Wettbewerb. Und der Autoweltmarkt wird nach Winterkorns Schätzung 2009 um fünf Millionen verkaufte Fahrzeuge auf 50 Millionen schrumpfen. Die Turbulenzen werden nach Ansicht des VW-Chefs im Zuge eines längerfristigen Konsolidierungsprozesses zu neuen Bündnissen und einer heftigen Auslese bei den Autoherstellern führen. Übrig blieben „ein japanischer, ein chinesischer, zwei bis drei Europäer und auch ein amerikanischer Anbieter“. Allein in China, wo VW 2008 mehr als eine Million Autos verkauft hat, werde sich schon bald die Zahl der 150 Autobauer auf die Hälfte reduzieren. „Hier kommt es zu einer massiven Konzentration, die wir intensiv verfolgen müssen”, sagte Winterkorn. Und Opel? Was würde VW gewinnen, wenn der Wettbewerber vom Markt verschwände? „Natürlich haben wir das durchgerechnet“, räumte Winterkorn ein. Was unter dem Strich herauskam, verriet er nicht.

Mit seinen inzwischen neun Marken unter dem Konzerndach (VW, Audi, Skoda, Seat, Bentley, Lamborghini, Bugatti, Scania, VW Nutzfahrzeuge) und Porsche als Mehrheitseigentümer fühlt sich der VW-Chef gerüstet für die Zeit nach der Krise. „Denn eines ist sicher: Die Märkte werden wieder anziehen“, sagte Winterkorn. VW werde ein Krisengewinner sein und strebe an die „Spitze der Autoindustrie“.

Bis 2010 will der Autobauer mehr als 20 neue Modelle auf den Markt bringen und jährlich mehr als acht Milliarden Euro in die Entwicklung und neue Modelle investieren. In Russland (Kaluga), Indien (Pune), China (Nanjing) und in den USA (Chattanooga) sind neue Werke entstanden oder im Bau. Hier erwartet VW ungeachtet der Krise Wachstum. „Wir spielen weiter auf Angriff“, lautete Winterkorns Schlachtruf. Seine Stürmerqualitäten ließ sich der Fußball-Fan 2008 (auch dank erfolgreicher Aktiengeschäfte) mit 12,7 Millionen Euro gut bezahlen – 2007 waren es noch 5,1 Millionen Euro gewesen.

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