Bilateraler Handel : Wie Deutschland Ausbildungen in Südafrika finanziert

Deutsche Unternehmen investieren in die Ausbildung südafrikanischer Mitarbeiter im Kapstaat. Dahinter stecken durchaus wirtschaftliche Gründe.

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Hätte Bandile Gwebu keinen Mentor gehabt, hätte er wahrscheinlich keine Ausbildung gemacht. „In Südafrika ist das unter jungen Leuten nicht üblich. Entweder man arbeitet nach der Schule, weil man Geld verdienen muss oder man geht an die Uni, wenn man es sich leisten kann“, sagt der 24-Jährige. Ein Kollege seiner Mutter hatte den Azubi aus Pumalanga im zweiten Lehrjahr auf die Ausbildungen aufmerksam gemacht, die deutsche Unternehmen und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag für das südliche Afrika fördern. „Heute habe ich verstanden, warum es langfristig eine gute Sache ist, sich nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch auszubilden“, sagt Gwebu.

Deutsche Ausbildungswege in Südafrika: Die Auslandshandelskammer und ihre Mitglieder in Südafrika bieten südafrikanischen Heranwachsenden vier verschiedene Möglichkeiten an, die den Anforderungen der freien Wirtschaft genügen. Dazu zählen die kaufmännische Ausbildung Commercial Advancement Training Sheme (CATS), die auch Gwebu absolviert und das BTC in Soweto, in dem Maurer, Klempner, Maler und Fliesenleger ausgebildet werden. Im Anschluss können die besten Absolventen eines Jahrgangs eine zusätzliche Ausbildung im Bereich Wartung und Installation erneuerbarer Energie-Anlagen absolvieren. Als vierte Ausbildungsmöglichkeit zählt die zu 50 Prozent von der Agentur des Bundesministeriums für Kooperation und Entwicklung (SEQUA) finanzierte Profibus-Ausbildung. In Zusammenarbeit mit den Mitgliedsunternehmen und sechs Fachhochschulen und Universitäten im Land werden Techniker und Ingenieure im Bereich der Automatisierungstechnologie qualifiziert. Zielgruppe aller Ausbildungen sind talentierte, jedoch benachteiligte Heranwachsende. „Für eine nachhaltige Entwicklung ist es wichtig, ausgebildete Fachkräfte und nicht nur angelernte Hilfskräfte zu haben“, sagt Matthias Boddenberg, Leiter der Auslandshandelskammer (AHK). Die Ausbildung verschaffe den Absolventen einen Wettbewerbsvorteil in der Arbeitswelt, weil sie mit ihrem Abschlusszeugnis sowohl in Südafrika als auch in ganz Europa einen Job finden könnten. „Es ist eine Win-Win Situation für beide Seiten, weil sich die deutschen Unternehmen ihre zukünftigen Mitarbeiter nach ihren Bedürfnissen ausbilden können“

Seit Jahrzehnten bestehen zwischen Deutschland und Südafrika weitreichende Wirtschaftsbeziehungen. Der Kapstaat ist für Deutschland der siebtwichtigste Abnehmer von Waren in Übersee. Mit knapp 4,72 Milliarden Euro (Stand 2007) ist Deutschland ein wichtiger Direktinvestor in Südafrika. Schwerpunktbranchen sind der Automobilsektor, die chemische Industrie, der Maschinenbau und die Elektrotechnik. Die AHK für das südliche Afrika ist im Auftrag der Bundesregierung seit 50 Jahren die offizielle Vertretung der deutschen Wirtschaft in Südafrika. 600 Mitglieder hat die AHK dort. Etwa 470 davon sind deutsche Unternehmen, die zum Teil in Südafrika gegründet wurden und dort etwa 90.000 Arbeitnehmer beschäftigen.

Der bilaterale Handel in Südafrika hat sich seit dem Ende der Apartheid mehr als verdoppelt. Als Hauptinvestor auf dem Kontinent und aufgrund seiner gesamtafrikanischen Ausrichtung gilt das Land unter Investoren als „Tor zu Afrika“. Im Kapstaat ist eine moderne Marktwirtschaft entstanden, deren Stärke einerseits auf dem Besitz von für die gesamte Welt wichtigen Rohstoffvorkommen, andererseits auf der Ansiedlung einer die Rohstoffe weiter verarbeitenden Industrie beruht. Eine entwickelte Infrastruktur und günstige Standortfaktoren machen Südafrika wirtschaftlich attraktiv. Auch die politische Lage hat sich nach der Wahl des Präsidenten Jakob Zuma 2009 weiter stabilisiert, obwohl dieser wegen seines skandalumwitterten Privatlebens umstritten bleibt.

Als ein in Südafrika agierendes Unternehmen ein hohes BBE-Ranking (Black-Economic-Empowerment) vorweisen zu können, ist ein weiterer Grund, warum deutsche Unternehmen in die interne Weiterbildung einheimischer Mitarbeiter investieren. BBE ist als staatliche Wiedergutmachung und pragmatische Wachstumstrategie zu verstehen, denn das Erbe der Apartheid ist eng mit der hohen Arbeitslosenrate im Land verbunden. Jahrzehntelang hatte das Apartheidregime die nicht-weiße Bevölkerung von guter Ausbildung und ökonomischer Teilhabe ausgeschlossen. Als nicht weiß zählen alle ehemals benachteiligten Bevölkerungsgruppen (indischstämmige, gemischt ethnische „couloured“ und schwarze Menschen). Das sind 80 Prozent der Einwohner Südafrikas, hauptsächlich Schwarze. Mit der Entstehung einer schwarzen Mittelschicht kommt gegenwärtig eine weitere Spaltung hinzu, die auch als Klassenkampf statt Rassenkampf umschrieben wird. Gleichzeitig ist der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften limitierender Faktor für die weitere Entwicklung der Wirtschaft. Bildung und Ausbildung stehen deshalb ganz oben auf der politischen Agenda, um der Widersprüchlikeit von Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Vor diesem Hintergrund ist auch das von Ex-Präsident Thabo Mbeki eingeführte BBE-Programm zu verstehen. Unternehmen in Südafrika müssen einen bestimmen Anteil von Mitarbeitern, Zulieferern, Managern und Anteilseignern nicht weißer Hautfarbe einstellen. So ist bei der staatlichen Auftragsvergabe neben Preis und Qualität auch die gesellschaftliche Komponente ausschlaggebend. Anhand eines Punktesystems bewerten Behörden beispielsweise, wie sehr eine Firma, die sich um einen öffentlichen Auftrag bewirbt, die BBE-Kriterien erfüllt. Zusatzpunkte erhalten Unternehmen, die sich zudem sozial engagieren. Zur Weltmeisterschaft profitierten daher besonders die ausländischen Firmen, die schon länger in Südafrika aktiv oder mit lokalen Partner zusammen arbeiteten und damit eine hohe BBE-Ranking vorweisen konnten. Deutschland war dabei mit etwa 45 Hauptprofiteur bei der WM.

Auch Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten bedeuten Zusatzpunkte im BBE-Ranking eines Unternehmens. Und wieder sei es eine Win-Win-Situation für beide Seiten, sagt Bodenberg, weil einerseits Deutsche Unternehmen besser eingestuft würden und es andererseits „gerade beim technischen Management und im Ingenieursbereich in Südafrika an gut ausgebildeten Nicht-Weißen mangelt, die wir qualifizieren.“

Gwebu will nach seiner Ausbildung seinen Bachelor in Rechnungswesen beginnen. Sein Ziel ist es Investmentbanker zu werden. Der 24-Jährige ist zielstrebig, ein Kind der schwarzen Mittelschicht, seine Eltern sind Lehrer. Derzeit absolviert er neben seiner Ausbildung bereits ein Fernstudium in Investmentbanking am „Chatered Institute of Securities and Investement“ in London, weil er seinen beruflichen Erfolg Schritt für Schritt aufbauen will. „Ab August lerne ich dann deutsch, denn mein Ziel ist es später einmal für die Deutsche Bank zu arbeiten.“

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