Bildung : Die Wirtschaft entdeckt den Wert der Hauptschüler

Weil sie nicht auf Bewerber aus der Hauptschule verzichten können, fördern Unternehmen Programme an den Schulen. Sie sollen Defizite ausgleichen und Jugendliche in die Ausbildung bringen.

Kerstin Schneider (HB)

DüsseldorfDie schlechte Qualifikation vieler Schüler macht der Wirtschaft zu schaffen. So kritisiert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schon seit langem, dass etwa 20 Prozent der Schulabgänger nur auf Grundschulniveau lesen, schreiben und rechnen könnten. Immer mehr Unternehmen und Initiativen fördern deswegen Jugendliche schon gezielt in der Schulzeit. Auch die Hauptschulen stehen zunehmend im Fokus der Wirtschaft, weil die Schüler dort häufig Lerndefizite aufweisen, die Unternehmen aber angesichts des drohenden Fachkräftemangels nicht auf Hauptschulbewerber verzichten können.

Der Handelskonzern Metro hat jetzt die Schirmherrschaft für ein bundesweit einzigartiges Modellprojekt der Stiftung der Deutschen Wirtschaft übernommen. Rund 120 Hauptschüler aus Berlin, Düsseldorf, Bremen und München werden in dem Programm „Zeig’, was Du kannst“ über drei Jahre hinweg intensiv gefördert. Das Neue daran: Das Programm startet zwei Jahre vor dem Hauptschulabschluss der Schüler und setzt sich im ersten Ausbildungsjahr fort. Jürgen Pfister, Bereichsleiter Personal und Soziales der Metro, verspricht eine aktive Mitarbeit des Handelskonzerns, um die Schüler bei ihren Bewerbungen um Ausbildungsplätze zu unterstützen.

„Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ist eng, um den Jugendlichen Praxisnähe zu vermitteln“, erklärt Projektleiterin Cigdem Uzunoglu von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Ausbildungsleiter werden Berufe vorstellen, und Auszubildende erzählen von ihrem Alltag im Beruf. Immer wieder kommen die Jugendlichen in Workshops zusammen, wo sie zum Beispiel an Stärken- und Schwächen-Analysen teilnehmen. Es geht darum, die Schlüsselkompetenzen zu verbessern und den Schülern zu helfen, ihre Talente und Fähigkeiten zu entdecken und überhaupt Interessen zu wecken.

Insgesamt 360 Schüler sollen in das Modellprojekt aufgenommen werden. Das ist zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, doch die Stiftung erhofft sich dadurch Erkenntnisse, welche Orientierung Hauptschüler brauchen. Denn die Zahl der Hauptschüler geht zwar seit Jahren zurück und das Stiefkind der Schulpolitik soll in manchen Bundesländern – auch in Berlin – ganz abgeschafft werden. Doch im Schuljahr 2007/08 besuchten noch fast 890 000 Schüler eine Hauptschule. Mit schlechten Aussichten für die Berufsperspektive: Jeder zweite Hauptschulabsolvent hat nach Angaben des nationalen Bildungsberichts auch 13 Monate nach Schulende noch keinen Ausbildungsplatz gefunden.

Genau dafür engagiert sich auch der Autozulieferer Benteler im nordrhein- westfälischen Paderborn. Vor drei Jahren wurde gemeinsam mit der Hauptschule Mastbruch das Projekt „Schule und Benteler“ (SchuB) ins Leben gerufen. Dabei sind zwei Dinge wichtig: „Wir wollen Schüler mit schlechteren Startvoraussetzungen unterstützen, damit sie bessere Chancen auf dem Ausbildungsmarkt haben. Zum anderen möchten wir dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegentreten, indem wir weiter auf hohem Niveau ausbilden“, sagt Vorstandschef Hubertus Benteler. Und das völlig unabhängig von den konjunkturellen Schwankungen in der Branche.

Bis zu 25 Schüler pro Jahrgang erhalten in der zehnten Klasse zusätzlichen Unterricht in Deutsch und Mathe und nehmen an zwei Praxisphasen teil. Pro Jahrgang hat Benteler bis zu sieben Jugendlichen des SchuB-Projektes einen Ausbildungsplatz angeboten. Die übrigen Schüler sind in anderen Betrieben in Paderborn und der Region untergekommen. Weil das Projekt so erfolgreich ist, wurde es jetzt auf weitere Hauptschulen ausgedehnt.Kerstin Schneider (HB)

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