Bildung : Ökonomisches Denken ist spannender als jede Smartphone-App

Seit Jahrzehnten wird finanzielle Bildung für Jugendliche gefordert. In Deutschland hat sich keine nachhaltige Besserung eingestellt. Ein Gastkommentar.

Werner Zedelius

Wir leben in einer Wohlstandswelt mit einem hohen Maß sozialer Absicherung – dennoch steigt die Überschuldung der Jugend rasant. Seit 2004 hat sich die Zahl der Schuldner unter 20 Jahre um 190 000 auf 243 000 erhöht: ein Plus von 358 Prozent. Häufig geraten Jugendliche in die Schuldenfalle, weil sie nie gelernt haben, klug mit ihren Finanzmitteln umzugehen. Manche Abwärtsspirale beginnt nicht mit einem Kreditvertrag, sondern dem Bezug vermeintlicher Gratisangebote.

Die Tragweite solcher Fehlentscheidungen ist vielen Jugendlichen nicht klar. Oft fehlt die finanzielle Allgemeinbildung, die skeptisch macht vor Lockangeboten. Denn der Anteil derjenigen, die sich nicht kontinuierlich informieren, steigt. Damit wächst die Gefahr, dass unsere Gesellschaft sich spaltet: in eine aktive, gut informierte Bevölkerungsgruppe – und einen Anteil, der sich auf private Interessen zurückzieht. Das kann nicht im Sinne unseres Staates sein.

Dabei wüssten die meisten Jugendlichen sicher viel mehr über ökonomische Zusammenhänge. Ihre Verunsicherung im Zeichen der Finanz- und Schuldenkrise ist gestiegen. Sie spüren, vielleicht ohne es artikulieren zu können: Die Wirtschaft und die Komplexität unserer gesellschaftlichen Strukturen erfordern es, informiert und vorbereitet zu sein.

Damit müsste sich doch etwas anfangen lassen! Aber obwohl seit Jahrzehnten finanzielle Bildung eingefordert wird, hat sich in Deutschland keine nachhaltige Besserung eingestellt. Deshalb ist 2010 „My Finance Coach“ an den Start gegangen, eine gemeinnützige Initiative verschiedener Unternehmen, um die ökonomische Allgemeinbildung und das Finanzwissen von Schülern zwischen 11 und 16 Jahren anzuheben. Ich selbst habe Unterrichtseinheiten von „My Finance Coach“ in einer 7. Klasse einer Hauptschule gestaltet, und mein erster Eindruck war: Willkommen in der Realität. Erwartet hatte ich, über Zinsen, Gehalt und Altersrenten zu sprechen. Thema war aber: Was ist kaufen? Was will Werbung? Wann schließe ich einen Kaufvertrag? In Diskussionen wurde erörtert: Ist Verschuldung ok? Was ist beim Konsum notwendig – und was ein verzichtbarer Wunsch?

„Notwendig sind Smartphones“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Ein starker Auftakt für eine lebendige Diskussion. Meine Lehre aus dieser Erfahrung: Wir müssen lernen, Jugendliche in ihrer Lebensrealität abzuholen. Wenn wir ihnen zeigen, dass es bei ökonomischem Denken ums Ergründen des menschlichen Verhaltens geht, sind sie dankbar. Das ist spannender als jede App – und ein Mittel, um den Weg in die Überschuldung erst gar nicht einzuschlagen.

Der Autor ist Vorstandsmitglied der Allianz SE

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