Wirtschaft : Billig und gewinnversprechend: Nachholbedarf bei Nebenwerten

Ingo Narat

Jetzt schlägt die Stunde der kleinen Aktien. Viele Jahre zählten Anleger und Fondsmanager die Titel der großen Firmen zu ihren Lieblingen. Nun machen sie Nachholbedarf bei den "Small Caps" und "Mid Caps" aus, wie die Werte mit geringem und mittlerem Börsenwert im Finanzjargon gerne genannt werden. Die Fondsmanager sind sich fast durchweg einig, dass bei den kleinen Aktien noch manches Schnäppchen zu machen ist. Eines der Argumente: Sie sind billiger als die großen Standardwerte.

In Europa werden "Blue Chips" auf Basis der geschätzten Unternehmensgewinne für das nächste Jahr mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 22 bezahlt. Ein vergleichsweise hoher Preis für die Aktien der großen Konzerne. Nebenwerte sind nicht nur billiger, sondern locken auch mit den besseren Gewinnaussichten. Im kommenden Jahr dürfte ein Plus von 20 Prozent drin sein, während man bei den Blue Chips lediglich von 16 Prozent ausgehen kann.

Manche Investmentgesellschaften wittern hier ihre Chance. Andere dagegen wollen der Wachstumsidee treu bleiben. Bei dieser Anlagephilosophie kommt eine Aktie nur dann für das Fonds-Depot in Frage, wenn das Unternehmen langfristig hohe Gewinnzuwächse verspricht. Das passt kaum zu den Titeln typischer konjunktursensibler Firmen, deren Gewinne mit der Konjunkturlage schwanken. In die zweite Kategorie gehören beispielsweise Papierproduzenten, Maschinenbauer, Konsumgüterhersteller und Baufirmen. Auf der anderen Seite reizen zyklische Aktien mit einer großen Gewinnchance: Wenn die Kurse den Weg nach oben antreten, ist er oft sehr steil.

Die Frankfurter Privatbank Metzler gehört zu den Optimisten. Sogar der überwiegende Teil der Aktienbestände im Fonds "Metzler Euro Small Cap" hat zyklischen Touch. Die Aktienstrategen reizen die Gewinnperspektiven dank der verbesserten Wirtschaftsaussichten in Kombination mit der günstigen Bewertung.

Ganz ohne Vorbehalte gehen aber auch sie das Thema nicht an. Sie suchen insbesondere nach mittelgroßen Firmen, die für positive Gewinnüberraschungen gut sind. Die favorisierten Branchen: im Grundstoffbereich insbesondere die Sparte rostfreier Stahl, daneben der Bausektor.

In die erste Kategorie fällt der spanische Stahlhersteller Acerinox. Laut Metzler produziert er im weltweiten Vergleich mit den Konkurrenten zu den niedrigsten Kosten. Zusätzlich reize das extrem niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnis von elf. Der schwedische Papierproduzent Modo zählt ebenfalls zu den größten Positionen. Im Baubereich setzt Metzler auf den französischen Markt und sieht die größten Chancen bei Groupe GTM.

Wenn die Daumen der Fondsstrategen beim Thema zyklische Nebenwerte teilweise nach unten gehen, dann spielt auch das hohe Risiko eine Rolle. Kleine Aktien schwanken ohnehin oft stärker im Kurs als "Blue Chips". Die Konjunkturabhängigkeit sorgt für zusätzliche Kursanfälligkeit. Deshalb hält die amerikanische Investmentgesellschaft Fidelity in ihrem europäischen Nebenwertefonds nur wenige Werte diesen Zuschnitts. Die Firmen stellen meist Investitionsgüter her oder sind im Konsumbereich aktiv.

Größere Bestände hält der "Fidelity Funds European Smaller Companies Fund" beispielsweise an Fitness First, einem britischen Betreiber von Fitness-Clubs, der auch in Deutschland aktiv ist. Dazu kommen NCL Holdings, eine im Passagierschiffgeschäft tätige norwegische Gesellschaft. Die niederländische Firma Beter Bed ist als Möbelhersteller ebenfalls ein typisch zyklischer Wert.

Einige britische Investmentgesellschaften stehen konjunktursensiblen Nebenwerten noch reservierter gegenüber. So weist Flemings darauf hin, dass sich in ihrem europäischen Small-Cap-Fonds kein einziger konjunkturabhängiger Wert befinde. Im Hause Mercury fallen die Kommentare ebenfalls zurückhaltend aus. Der Wachstumsgedanke steht im Vordergrund. Allerdings nennt die britische Fondsfirma einige Titel, denen man schon einen gewissen konjunkturellen Charme zubilligen kann. Der "Mercury Selected Trust European Opportunities", einer der erfolgreichsten europäischen Nebenwertefonds, hält größere Aktienbestände beispielsweise an dem italienischen Möbelhersteller Industrie Natuzzi oder dem französischen Büromaterialversender und -vertreiber Guilbert.

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