Wirtschaft : Billig war gestern

China will weg vom Image als Werkbank der Welt und umwirbt renommierte Firmen – auch in Berlin.

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Berlin - Die Fragen aus dem Plenum im Grand Ballroom III des Berliner Ritz-Carlton-Hotels kommen zäh, weshalb plötzlich ein Mann vom Podium die Rolle als Fragensteller übernimmt. Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR, sitzt dort zwar in seiner Funktion als Berater der neuen Chinesisch-Deutschen Industrie-Service-Zone von Foshan. Trotzdem nutzt der CDU-Politiker die Gelegenheit, der chinesische Delegation jene Frage zu stellen, die wohl alle deutschen Unternehmer im Saal interessieren dürfte, die sie sich aber offenbar nicht zu fragen trauen: „Welche Förderungsmaßnahmen gibt es in Foshan?“ Die Antworten der Chinesen fallen lang und blumig aus, lassen sich aber so zusammenfassen: Es gibt einige.

„Das ist eine klasse Situation für deutsche Unternehmen“, sagt Peter Helis, Geschäftsführer der deutschen Außenhandelskammer (AHK) in Guangzhou, „die chinesischen Regionen stehen in einem Wettbewerb miteinander, das können die deutschen Unternehmen ausnutzen.“

Die Wirtschaftsregion Foshan, im Perlflussdelta 20 Kilometer südwestlich der Metropole Guangzhou gelegen, tritt beim Werben um deutsche Firmen aus dem Dienstleistungs-, Forschungs- oder Ausbildungsbereich sehr ambitioniert auf. Nach der Veranstaltung in Berlin wird die Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt Büros in der Hauptstadt sowie in München eröffnen. In Foshan soll um die Deutsch-Chinesische Servicezone eine kleine deutsche Gemeinde entstehen. Ein Gericht, das sich auf den Schutz geistigen Eigentums spezialisiert hat, soll die Sorgen vieler Unternehmer vor möglichem Ideen- und Patentklau beruhigen.

„Guangdong hat lange Zeit von Investitionen aus Hongkong und Taiwan gelebt, jetzt will man sich wirtschaftlich aufwerten und deutsche Unternehmen haben“, erklärt AHK-Mann Helis. Damit setzt die Region auch jenen Strukturwandel um, den der ehemalige chinesische Premierminister Wen Jiabao zuletzt gefordert hatte: Weg von der Werkbank der Welt, hin zu Dienstleistung, Forschung und High-Tech.

Für Foshan spricht dabei aus Sicht von Helis vor allem das Geld.  „Die Kosten für Immobilien oder Angestellte sind im Perlflussdelta immer noch günstiger als zum Beispiel in Shanghai.“ 20 deutsche Firmen sehen das ähnlich, unter anderem haben sich die Leuchtmittelfirma Osram, der Automobil-Hersteller BMW mit einem Vertriebszentrum oder die Fraunhofer-Gesellschaft in Foshan angesiedelt. Mit weiteren 29 deutschen Firmen gibt es Verhandlungen.

Vor einigen Jahren war Foshan noch als Zentrum für Keramik, Haushalts- und Lederwaren bekannt. „Wir wollen in Zukunft eine Plattform für hochtechnologischen Service bieten“, sagt Foshans Vizebürgermeister Li Zifu, „das ist eine Win-Win-Situation für beide Länder.“

Die deutschen Firmen erhalten in Foshan neben günstigen Produktionsbedingungen den Zugang zum stetig wachsenden chinesischen Markt. Das ist auch der Grund, warum sich Lothar de Maizière auf das Projekt eingelassen hat. „Ich hoffe, dass ich ostdeutschen Unternehmen die Chance geben kann, in China tätig zu werden.“ Müsste er nicht eher die Ansiedlung in Ostdeutschland fördern? „Das ist interessant, aber diese Firmen müssen auch einen Markt finden“, sagt Lothar de Maizière. Und für immer mehr deutsche Firmen liegt der Markt der Zukunft in China.

Doch auch dort ist das Wachstum begrenzt. Die in der Nähe von Foshan gelegene ehemalige Boomstadt Dongguan war nach Medienberichten im vergangenen Jahr überschuldet und stand kurz vor der Pleite. „Bei uns ist die Verschuldung unter Kontrolle“, sagt Foshans Vizebürgermeister, „außerdem braucht man auch ein bisschen Risiko – aber Risiko, das man kontrollieren kann.“ Diese Mentalität begeistert auch Peter Helis. „Das ist ein Wahnsinn, was dort passiert“, sagt der AHK-Manager, „die Chinesen reden nicht nur, sie machen es auch.“ Benedikt Voigt 

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