Wirtschaft : Billig, willig, qualifiziert

DGB: Nach dem Studium geht es mit Praktika weiter

Simon Poelchau

Berlin - Trotz Aufschwung und Fachkräftemangel ist das Praktikum für Hochschulabsolventen noch immer die häufigste Beschäftigungsform. Nach einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) machten 28 Prozent der befragten Akademiker im Anschluss an das Studium ein Praktikum, 27 Prozent erhielten eine befristete Anstellung. Nur knapp jeder fünfte Absolvent bekam einen unbefristeten Arbeitsplatz. „Mit dem eigentlichen Sinn von Praktika hat das nichts mehr zu tun“, kommentierte am Mittwoch in Berlin die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock die Ergebnisse der Studie von Böckler-Stiftung und FU Berlin. Viele Unternehmen würden Hochschulabsolventen lieber als billige Praktikanten einsetzen, anstatt sie direkt einzustellen.

81 Prozent der 674 befragten Absolventen gaben an, in ihrem Praktikum vollwertige Arbeit geleistet zu haben, drei Viertel waren fest in den Betriebsablauf eingespannt. Für Sehrbrock gilt deswegen auch nicht das oft vorgebrachte Argument, dass Hochschulabsolventen Praxiserfahrung fehle, um regulär eingestellt werden zu können. Im Übrigen hätten Akademiker schon während des Studiums im Schnitt vier Praktika absolviert.

Zumindest ging der Anteil der unbezahlten Praktika laut Sehrbrock im Vergleich zu einer Umfrage von 2007 leicht zurück. Arbeiteten damals 45 Prozent der Akademiker in ihrem Praktikum „umsonst“, sind es derzeit 40 Prozent. Das durchschnittliche Praktikantengehalt fällt mit 551 Euro hingegen etwas geringer aus als 2007. Mit 734 Euro erhalten Praktikanten in den westlichen Bundesländern das meiste Geld. In Berlin bekamen Praktikanten zuletzt 446 Euro im Monat. Nur die Praktikanten in den ostdeutschen Bundesländern erhalten im Schnitt mit 346 Euro eine noch niedrigere Vergütung als die Berliner.

Angesichts des dürftigen Einkommens ist die überwiegende Mehrheit der Praktikanten auf finanzielle Unterstützung durch Dritte angewiesen. 56 Prozent der Befragten werden auch nach dem Studium noch von ihren Eltern unterstützt, 43 Prozent leben mit Hilfe von Ersparnissen und knapp ein Viertel wird vom Lebenspartner unterstützt. „Besonders skandalös“ ist nach Ansicht des DGB- Bundesjugendsekretärs René Rudolf, dass 22 Prozent der Befragten auf Sozialleistungen angewiesen sind.

Doch der Forderung des DGB nach einem Verbot von Praktika nach dem Studium wollten die meisten jungen Akademiker nicht folgen. Nur 32 Prozent waren bei der Befragung dafür. 43 Prozent sprachen sich gegen ein solches Verbot aus. Schließlich hofft die Hälfte von ihnen, nach einem Praktikum übernommen zu werden. Simon Poelchau

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