Wirtschaft : Billige Zeitungsboten statt teurer Briefträger?

Moritz Honert

Berlin - Briefzustellung per Zeitungskurier? Für den Post-Rivalen Pin Group ist das einem Zeitungsbericht zufolge kein utopischer Gedanke. Die „Financial Times Deutschland“ berichtete unter Berufung auf eine anonyme Managerin, dass das zum Springer-Verlag („Bild“, „Welt“) gehörende Unternehmen künftig statt Postboten auch Zusteller von Zeitungsverlagen und regionalen Briefdiensten einsetzen wolle, um den gerade beschlossenen Mindestlohn zu umgehen.

Die Pin Group dementierte am Freitag derartige Pläne. „Momentan prüfen wir sämtliche Ideen, die zum Fortbestand des Unternehmens nötig sind“, sagte eine Sprecherin der Luxemburger Zentrale. Nicht bestätigen könne sie jedoch, dass über eine verstärkte Zusammenarbeit mit Zeitungszustellern nachgedacht werde.

Die Pin Group rechnet für das laufende Jahr mit einem Verlust von 55 Millionen Euro und hat die Entlassung von 800 Mitarbeitern in Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen angekündigt. Begründet hatte das Unternehmen dies mit dem beschlossenen Mindestlohn für Briefträger, auf den sich die Gewerkschaft Verdi und der Branchen-Arbeitgeberverband im November geeinigt hatten. Demnach sollen Briefzusteller künftig im Westen mindestens 9,80 Euro, im Osten neun Euro pro Stunde bekommen. „Einen solchen Blockadelohn können wir nicht zahlen“, erklärte die Sprecherin mit Verweis auf das geringe Briefaufkommen. Derzeit befördert die Pin Group rund 3,3 Millionen Sendungen am Tag. Ein Versuch des Unternehmens, den Mindestlohn am Donnerstag mit einem Eilantrag beim Bundeskartellamt zu stoppen, scheiterte. „Es ist nicht unsere Aufgabe, uns in die Gesetzgebung einzumischen“, sagte ein Sprecher der Behörde.

Kritiker vermuten, dass die Pin Group mit einer Beschäftigung von Zeitungszustellern den Mindestlohn umgehen will, was eine Sprecherin des Mutterkonzerns Springer abstritt. Doch anders als für Briefträger gilt der Mindestlohn für Zeitungszusteller nicht. Eine Zusammenarbeit könnte der Pin Group viel Geld sparen. Zeitungszusteller verdienen nach Auskunft der Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft für Druckerzeugnisse (BZV) zwischen 3,75 und sechs Euro pro Stunde. Olaf Reich vom BZV sagte, eine Zusammenarbeit sei „grundsätzlich vorstellbar“. Auch habe die Pin Group bereits mit Zustellern in Berlin verhandelt. Dabei sei es aber nicht um Briefe, sondern um den Vertrieb von Illustrierten gegangen. Für Verdi ist die Beschäftigung von Zeitungskurieren als Briefträger rechtlich nicht zulässig. „Das widerspricht dem Tarifvertrag“, sagte eine Sprecherin der Gewerkschaft. Das deutsche Briefmonopol für Sendungen unter 50 Gramm fällt zum Jahreswechsel. Moritz Honert

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