Wirtschaft : Billiger als jede CD

Nicholaus Neumann

Sex war über Jahre hinweg der meist gesuchteste Begriff im Internet. Dann kam der 19-jährige Amerikaner Shawn Fanning mit seiner Firma Napster und änderte mit einer einfach zu bedienenden Software die weltweiten Surfgewohnheiten. Die Internetgemeinde begann, Musiktitel in komprimierter Form über das World Wide Web zu tauschen: Im MP3 Format brauchen die Songs nur ein Zehntel des Platzes, den sie auf einer CD belegen, und können so viel schneller über das Netz verteilt werden. MP3s wurden nun von allen gesucht - und vornehmlich bei der kostenlosen Musiktauschbörse Napster gefunden. Die Plattenindustrie stand vor vollendeten Tatsachen: Jugendliche bezahlen keinen Pfennig mehr für Musik, denn sie laden sich ihre Songs aus dem Netz herunter. Der Rechtsstreit mit der Tauschbörse wegen Verletzung der Urheberrechte ließ nicht lange auf sich warten.

Ende Oktober 2000 scherte Bertelsmann aus der Front der Plattenindustrie aus und unterstützte das kalifornische Start-up-Unternehmen mit einem Kredit von 60 Millionen Dollar. Jetzt folgte noch mal eine Finanzspritze in Höhe von 26 Millionen Dollar. Doch wofür zahlt einer der größten Medienkonzerne der Welt (RTL, Gruner + Jahr) soviel Geld? Napster ist bereits seit Monaten vom Netz.

Der Neustart sollte eigentlich im Juni erfolgen, dann im Spätsommer. Jetzt heißt es Anfang 2002 - das Warten auf Napster geht weiter. Doch die Zeit spielt gegen die einst so populäre kostenlose Musikbörse im Internet. Nutzten in den Hochzeiten bis zu 80 Millionen Musikfans das Angebot, liegt die Zahl der registrierten Nutzer nach Branchenangaben zurzeit nur noch bei 120 000. Es könnten noch weniger werden. Denn nach dem juristischen Streit mit der Plattenindustrie sucht Napster eine wirtschaftliche Zukunft als bezahltes Vertriebsystem. Aber: Wie soll abgerechnet werden: per Abo oder pro herunter geladenem Musiktitel?

Allen schlechten Prognosen zum Trotz sehen Experten durchaus Chancen für Fannings Unternehmen. "Napster ist eine der bekanntesten Internet-Marken und trotz aller Funktionsunfähigkeit immer noch eine der am häufigsten aufgerufenen Web-Seiten", sagt Marc Mulligan vom Marktforschungsinsitut Jupiter Media Metrix in London. Aufgabe für Napster, das zu einem Inbegriff für kostenlose Musik-Downloads geworden ist, sei es nun, die Internetgemeinde daran zu gewöhnen, für Musik Geld zu geben. "Mehr Komfort" und eine "höhere Qualität" gegenüber den Gratis-Musiktauschbörsen könnten bei dieser Überzeugungsarbeit helfen, sagt der Marktforscher. "Dennoch wird es ein sehr langer und langsamer Prozess werden."

Diese Erkenntnis bestätigt auch eine Studie des Lehrstuhls für Marketing und Management der Universität Hannover, nach der nur jeder dritte Nutzer von Online-Musikangeboten überhaupt bereit ist, für einen solchen Dienst zu bezahlen. Die Nutzerfreundlichkeit der kostenpflichtigen Internetseiten werde daher eine entscheidene Rolle im Konkurrenzkampf gegen die Gratisangebote sein, meint Tobias Frenzel, der die Studie mit erstellte. Ein weiterer Faktor, der über Erfolg und Misserfolg bestimmen werde, sei der Umfang des Musikangebotes. "Nur wenn ich finde, was ich suche, werde ich auch wiederkommen", sagt Frenzel.

Probleme sieht der Wissenschaftler bei den Zahlungsmodalitäten: "Die Abrechung muss so einfach wie möglich erfolgen, damit die Nutzer den Service annehmen." Er empfiehlt daher ein Abonnement-Modell, bei dem einmal im Monat eine Grundgebühr bezahlt wird und dann die Anzahl der herunter geladenen Titel dem Nutzer überlassen bleibt. Sollte die Variante "Pay-per-Song" eingeführt werden, könnte nach Ansicht von Mulligan ein Preis von rund drei Mark pro Titel ein gutes Einstiegsangebot sein. "Damit Onlinemusik eine wirkliche Chance hat, muss der Preis günstiger sein als die CD im Geschäft." Branchenangaben zufolge will Napster ein monatliche Grundgebühr von fünf Dollar berechnen.

Der Erfolg von Napster hatte die Schallplattenindustrie im vergangenen Jahr vollkommen überrascht und ihr unmissverständlich klar gemacht, dass sie das Internet als Vertriebsweg verschlafen hatte. Eine weitere schmerzhafte Erkenntnis war, dass sie und die Komponisten keinen Pfennig für die Musik bekommen. Das soll jetzt anders werden. Mit Hochdruck arbeiten die fünf größten Plattenlabels an eigenen kommerziellen Online-Angeboten: Warner Music, BMG (ebenfalls ein Bertelsmann-Unternehmen) und EMI entwickeln zurzeit die Großhandelsplattform MusicNet, die Musikbörsen mit Hits versorgen soll. Eine Kooperation von Universial und Sony mit Microsoft und Yahoo will seinen Abonnenten eine Auswahl von 70 000 bis 100 000 Titeln bieten. Zum Vergleich: Über Napster wurden 15 Milliarden Songs getauscht.

"Das Online-Geschäft wird sich zu einem wichtigen Absatzmarkt entwickeln", prognostiziert Hartmut Spiesecke, Sprecher des Bundesverbandes der deutschen phonographischen Wirtschaft. Eine Einschätzung, die das Web-Forschungsinstitut stützt. Laut einer Jupiter-Analyse gibt es allein in Europa ein großes Potenzial für Musik gegen Bezahlung: In den kommenden sechs Jahren werde sich das Volumen von 333 Millionen Euro auf zwei Milliarden Euro versechsfachen. Dass der CD-Verkauf hingegen völlig ersetzt wird, glauben die Analysten nicht. "Der traditionelle Vertrieb von CDs wird weiterhin den größten Teil des Geschäfts ausmachen.

Unterdessen sorgen Napsters Erben dafür, das im Internet weiter kostenlose Musik erhältlich ist. Morpheus, Audio-Galaxy, Gnutella sind nach dem juristischen Aus von Napster die derzeit populärsten Musiktauschbörsen. Sie machen das eigentliche Problem der Musiklobby deutlich: Kaum ist das eine Gratisangebot geschlossen, schon tauchen an anderer Stelle im Internet neue Tauschbörsen auf. Wie eine Sisyphusarbeit erscheint da der Versuch der Plattenindustrie, mit Klagen gegen die neuen Gratisangebote vorzugehen, um den Markt von Musikpiraten frei zu halten.

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