Wirtschaft : Billiger Strom kommt teuer

Vattenfall beklagt einen Preisverfall an den Strombörsen – und warnt deutsche Kunden vor höheren Preisen.

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Energiewende. Der notwendige Stromnetzausbau kostet den deutschen Verbraucher viel Geld. Foto: dapd
Energiewende. Der notwendige Stromnetzausbau kostet den deutschen Verbraucher viel Geld. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin - Es mag paradox klingen für viele der 1,6 Millionen Vattenfall-Kunden in Berlin: Zum Jahreswechsel erst mussten sie seine Preiserhöhung um fast 13 Prozent schlucken. Und nun beklagt ausgerechnet dieser Konzern, dass er immer weniger Geld für seinen Strom an den europäischen Börsen bekommt. Øystein Løseth, der Chef des schwedischen Staatskonzerns, versuchte diesen Widerspruch am Mittwoch bei der Präsentation der Jahresbilanz aufzulösen.

Gleich zu Beginn einer telefonisch übertragenen Pressekonferenz aus der Zentrale bei Stockholm verwies Løseth auf die Verläufe der tagesaktuellen Spotmarktpreise für Strom. Auf der für Zentraleuropa wichtigen Plattform Epex seien sie im Jahresverlauf um fast 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen. In Skandinavien (Nord Pool) brachen die Preise sogar um fast 34 Prozent ein. Dort wurde Vattenfalls Bilanz buchstäblich verregnet: Hohe Wasserstände in den Talsperren führten dazu, dass besonders viel Strom aus Wasserkraft an der Börse vermarktet wurde, was die Preise weiter drückte. In Deutschland waren es vor allem die großen Windstrommengen, die zum Preisverfall beitrugen.

Løseth verwies zudem auf fallende Preise bei der Kohle, die Vattenfall vor allem in der Lausitz abbaut. Die Weltmarktpreise seien im Schnitt um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen – auch weil die USA zunehmend Gas nutzten und mit ihrer Kohle auf den Weltmarkt drängten. „2012 war ein schwieriges Jahr für den europäischen Energiesektor, und die Branche steht vor erheblichen Herausforderungen“, sagte der Norweger. Eine Stabilisierung sei nicht zu erwarten: „Frühere Marktprognosen sind über den Haufen geworfen, und was bisher als normal gesehen wurde, gilt nicht mehr. So ist die neue Normalität“, klagte er.

So fiel Vattenfalls operativer Gewinn (ohne Sondereinflüsse) um 9,9 Prozent auf 27,7 Milliarden Kronen (3,2 Milliarden Euro). Nur durch einen Buchhaltungstrick des Staates – er senkte die Umsatzsteuer von 26 auf 22 Prozent – stieg der Gewinn nach Steuern kräftig um 65,4 Prozent auf 17,2 Milliarden Kronen (zwei Milliarden Euro). Die Umsätze fielen derweil um 7,6 Prozent zurück auf 167,3 Milliarden Kronen (19,5 Milliarden Euro). Allerdings waren hier nicht fallende Preise der Grund, sondern vor allem Verkäufe von Geschäftsteilen in Belgien und Polen.

Das Deutschland-Geschäft, das Vattenfall von Berlin aus steuert, trug 2012 rund 69 Prozent zum Konzernumsatz und 40 Prozent zum Gewinn bei. In Berlin und Hamburg beliefert der Konzern, in dem die Bewag und die HEW aufgegangen sind, als Grundversorger noch fast 80 Prozent der Haushalte und besitzt ferner die örtlichen Stromnetze. In der Lausitz betreibt Vattenfall neben dem Braunkohletagebau auch die Großkraftwerke Schwarze Pumpe und Boxberg. Insgesamt erlöste der Konzern hierzulande umgerechnet 13,5 Milliarden Euro, zehn Prozent mehr als 2011. Der Vorsteuergewinn fiel in Deutschland um rund zehn Prozent auf umgerechnet 1,29 Milliarden Euro.

So kämpft der nach Eon und RWE drittgrößte Energieversorger auf dem deutschen Markt mit einem Preisverfall, deren Ursachen nicht nur in der deutschen Energiewende, sondern auch in norwegischen Stauseen und niederländischen Rohstoffbörsen liegen. Løseth stellte aber klar, dass die deutschen Stromkunden auf absehbare Zeit nicht von diesen Trends profitieren werden. „Steigende Kosten für den nötigen Stromnetzausbau und die Subventionen der erneuerbaren Energien werden weiterhin einen Effekt auf die Endkundenpreise in Deutschland haben“, sagte er auf Nachfrage. Letztlich sei es eine Entscheidung der deutschen Politik, ob sie die erneuerbaren Energien weiterhin fördern will.

Was den Ausbau der Braunkohle in Ostdeutschland angeht, stellte er klar: „Wir werden kein neues Kraftwerk bauen ohne CCS“. Im vergangenen Jahr war ein Gesetzesvorhaben gescheitert, das diese Technologie zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid in Pilotversuchen erlaubt hätte.

Gleichwohl ist Vattenfall noch weit davon entfernt, zum Grünstromerzeuger zu werden. 46 Prozent seines Stroms erzeugte der Konzern 2012 mit fossilen Brennstoffen, hauptsächlich Kohle. 27 Prozent stammten aus Kernkraftwerken. Und 24 Prozent, etwas mehr als bisher, stammte aus Wasserkraft. Windkraft, Biomasse und Müllverbrennung trugen nur drei Prozent zum Strommix bei.

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