Wirtschaft : Bio-Boom auf Kosten der Kleinen

Ökosupermärkte machen den Einzelhändlern in Berlin das Leben schwer

Johannes Pennekamp

Berlin - Wenn es jemanden gibt, der die Veränderung der Biobranche verkörpert, dann Werner Schauerte. Anfang der Achtziger kam er in die Hauptstadt, jobbte als Journalist, trat im Kabarett auf und schlug sich die Nächte um die Ohren. In der Kneipe schnappte er eine Geschäftsidee auf: In Norddeutschland sollte es einen Biohof geben, der sein Gemüse nur an Kunden verkauft, die einen festen Monatsbeitrag zahlen, also quasi Mitglied sind. Am nächsten Morgen setzte er sich mit seinem Freund Ludwig Rieswick ins Auto, fuhr nach Kiel zu dem Biohof und fasste den Entschluss: „So was machen wir in Berlin auch.“

Zwei Monate später hatte Berlin seinen ersten Naturkostladen, bei dem man Mitglied werden konnte und im Gegenzug Rabatte erhielt. „Am Anfang sind wir noch mit unserem alten Volvo übers Land gefahren und haben die Ware selbst beim Bauern abgeholt“, erzählt Schauerte. Das war Mitte der Neunziger. Auf 55 Quadratmetern verkaufte er alles, was das Biosortiment hergab. „Aber wir wollten keine Hinterhoffuzzis bleiben.“

Wie ein Hinterhoffuzzi sieht Schauerte heute nicht aus, eher wie ein Geschäftsmann. In Sakko und Sonnenbrille trinkt er im Bistro seines neuesten Bioladens Cappuccino und erläutert sein Verkaufskonzept. Der 48-Jährige verkauft immer noch alles, was das Biosortiment hergibt: 18 000 Artikel auf 1600 Quadratmetern in der LPG am Senefelder Platz, Europas größtem Biosupermarkt.

Die Biobranche ist endgültig von einer Nischenerscheinung zum Massenphänomen gewachsen. Die Verbraucher legen immer größeren Wert auf möglichst gesunde Produkte. Allein 2006 stieg der Umsatz um 16 Prozent. In Berlin profitieren davon neben den Bioketten Viv und Bio-Company auch die konventionellen Discounter. Aldi, Plus und Co. bieten inzwischen Biokost zu Dumpingpreisen an. Der Druck auf die Kleinen wächst. „Wer es nicht schafft, sein Angebot und seine Verkaufsfläche zu vergrößern, gerät in Existenznöte“, sagt Felix Prinz zu Löwenstein, Chef des Bundes ökologischer Lebensmittelwirtschaft.

Existenznöte haben Schauerte und sein Freund Rieswick nicht. Sie sind Inhaber von drei Biosupermärkten dieser Dimension. An einen Hinterhofladen erinnert bei LPG nichts mehr: Rollbänder verbinden die beiden Einkaufsetagen, die Einkaufswagen sind so groß wie bei Lidl, und zwischen den Regalen wächst ein riesiger Apfelbaum – aus Plastik. Rund 9000 Mitglieder zahlen 17,90 Euro Monatsbeitrag und bekommen Dinkelbrot, Biobier oder Naturkosmetika ein paar Prozent günstiger als Kunden ohne Mitgliedskarte. Viele Produkte kommen aus der Region. „Bis Oktober kaufen wir Karotten bei Brandenburger Bauern ein, dann in Süddeutschland. Erst wenn auch dort keine mehr wachsen, weichen wir auf das Ausland aus“, sagt Schauerte. Naturkostläden, die sich in der Nähe zu seinem Supermarkt noch halten, fallen ihm nicht ein.

„Jeder Zweite hier hat in den letzten Jahren zugemacht“, sagt Dominikus Murr, der mit seinem Immergrün Biogarten ein paar Straßen weiter ums finanzielle Überleben kämpft. Das Geschäft, das Murr mit seiner Frau betreibt, würde zehn Mal in den LPG-Supermarkt passen. Murr hat das gleiche Konzept. Auch er setzt auf regionale, hochwertige Produkte.

Eine Entspannung der Lage ist in Berlin nicht in Sicht. McBio, ein Bio-Discounter, der auf 400 Quadratmetern Verkaufsfläche nur drei bis vier Angestellte einsetzt, hat drei Filialen eröffnet und will bis zu sechs weitere aufmachen. „Drei neue Verkaufsflächen haben wir uns gesichert“, sagt Gregor Fornol, Leiter der Expansionsabteilung. Johannes Pennekamp

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