• „Bio-Produkte haben die Kunden nicht überzeugt“ Foodwatch-Chef Thilo Bode: Die Agrarwende ist gescheitert

Wirtschaft : „Bio-Produkte haben die Kunden nicht überzeugt“ Foodwatch-Chef Thilo Bode: Die Agrarwende ist gescheitert

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THILO BODE

war früher Chef

von Greenpeace und ist heute Geschäftsführer der

Verbraucherschutzorganisation „Foodwatch“.

Foto: promo

Herr Bode, die deutschen Verbraucher kaufen ihre Lebensmittel am liebsten beim Discounter. Ist ihnen Qualität nichts wert?

Nicht nur die deutschen Verbraucher schauen auf den Preis, das tun Konsumenten in aller Welt. Und zwar vor allem dann, wenn sie keine Qualitätsunterschiede zwischen billigen und teuren Lebensmitteln ausmachen können.

Schmecken Bio-Lebensmittel nicht besser?

Bio bringt vor allem etwas für die Umwelt und die Tiere. Die Belastungen mit Rückständen sind geringer. Bio heißt aber nicht automatisch besserer Geschmack. Die Bio-Branche muss sich deutlicher von konventionellen Erzeugern absetzen. Statt auf leckere, seltene Sorten zu setzen, bauen sie häufig dieselben an wie die herkömmlichen Erzeuger. Diese bringen reichhaltige Erträge und sind leicht zu transportieren. Aber dann dürfen sich die Bio-Bauern auch nicht wundern, wenn ihr Obst und Gemüse nicht besser schmeckt als die Massenware. Eine Öko-Tomate kostet drei Mal so viel wie eine Industrie-Tomate, im Aroma ist sie oft genauso fad. Kein Wunder, dass die Verbraucher diese Produkte nicht kaufen.

Erstaunlich, dass Sie als Verbraucherschützer die Massenware empfehlen.

Das tue ich doch gar nicht. Im Gegenteil: Ich finde, die Politik müsste die konventionelle Landwirtschaft viel stärker in die Pflicht nehmen. Warum sind denn die Produkte so billig? Weil die Kosten der Nitratbelastung des Grundwassers und anderer Umweltschäden nicht enthalten sind. Die Lebensmittel-Industrie produziert billig auf Kosten der Allgemeinheit. Das muss ein Ende haben. Wer Schäden anrichtet, muss dafür haften.

Ist die von Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast propagierte Agrarwende gescheitert?

Ja, klar. Frau Künast möchte, dass bis zum Jahr 2010 zwanzig Prozent aller deutschen Lebensmittel aus ökologischem Anbau kommen. Heute haben wir einen Anteil von unter drei Prozent, bis 2010 dann vielleicht sechs Prozent. Aber das liegt nicht an den unmündigen Verbrauchern, wie die Ministerin meint, sondern daran, dass die Bio-Lebensmittel die Kunden bislang nicht überzeugen konnten.

Die Lebensmittel-Skandale reißen nicht ab. Letztes Jahr hatten wir Nitrofen, durch die Testpannen ist auch BSE wieder ein Thema …

Fast alle Lebensmittel-Skandale der letzten Jahre waren Futtermittel-Skandale. Ob BSE, Nitrofen oder unzulässige Hormone - immer war das Futter Schuld. Leider ist bis heute keiner der Verantwortlichen wirklich belangt worden. Die Ermittlungen in Sachen Nitrofen werden nach unseren Informationen demnächst eingestellt.

Warum?

Die Staatsanwaltschaft muss nachweisen, dass die Nitrofen-Kontamination die Gesundheit der Verbraucher beeinträchtigt hat. Und obwohl der zulässige Grenzwert beim Putenfleisch um das 600-fache überschritten war, gibt es keinen entsprechenden Straftatbestand. Die Abschreckung fehlt, und an den skandalösen Zuständen ändert sich nichts. Die Politik muss schärfer durchgreifen.

Das Gespräch führte Heike Jahberg.

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