Biosprit E10 : Streik an der Tankstelle

Obwohl Super deutlich teurer geworden ist, meiden Autofahrer den Biosprit E10. Jetzt drosselt die Branche die Produktion. Am Dienstag soll es einen "Benzin-Gipfel" zum E10-Chaos geben.

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Der Käuferstreik bei E10 hat Folgen.
Der Käuferstreik bei E10 hat Folgen.Foto: dpa

Berlin - Das Chaos bei der Einführung des neuen Biosprits E10 geht Politik und Wirtschaft an die Nerven. Am Donnerstagnachmittag meldete die Deutsche Presseagentur, die weitere Einführung des Kraftstoffs solle auf Eis gelegt werden, und berief sich dabei auf Klaus Picard, den Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV). Kurze Zeit später dementierte der Verband, räumte aber ein, dass man die Raffinerieproduktion der Nachfrage anpassen werde. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) schimpfte daraufhin über das nicht akzeptable "Durcheinander", das die Branche anrichte, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) forderte die Beteiligten auf, "bei den Verbrauchern für absolute Klarheit zu sorgen." Er berief wegen des E10-Chaos einen "Benzin-Gipfel" ein, der am Dienstag stattfinden soll.

An dem Treffen im Wirtschaftsministeriums sollen Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) und Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) teilnehmen. Eingeladen sind zudem Automobilverbände, die Autoclubs ADAC und AvD, Verbände der Mineralölwirtschaft, die Bioethanol-Branche, der Bauernverband und die Verbraucherzentralen.

Die Nerven liegen blank, weil die Autofahrer nicht das tun, was sie tun sollen. Weil sie dem E10 nicht trauen, tanken viele auch weiterhin lieber Super und Super Plus, obwohl sie dafür pro Liter bis zu acht Cent mehr zahlen müssen als für E10. Das führt zu Problemen an den Tankstellen. Während die kleineren Tanks mit Super Plus bis zu vier Mal täglich aufgefüllt werden müssen, liegt das E10 wie Blei in den größeren Tanks.

Dabei ist der Biosprit bundesweit ohnehin erst bei knapp der Hälfte der 15.000 Tankstellen eingeführt worden - vor allem im Osten und Süden. Auch in Berlin bieten viele Tankstellen den neuen Kraftstoff bereits an. Der Sprit, der zehn Prozent Bio-Ethanol enthält, ist politisch gewollt, weil bei Produktion und Verbrennung unterm Strich weniger klimaschädliches CO2 freigesetzt wird. Die Bundesregierung wollte mit der Einführung der Biotreibstoffquote zudem die Abhängigkeit vom Erdöl senken. Ethanol wird aus Weizen, Rüben, Mais oder anderen nachwachsenden Rohstoffen gewonnen.
Schaffen die Mineralölkonzerne es aber nicht, die Autofahrer für den neuen Sprit zu begeistern, drohen ihnen Strafzahlungen. "Der Kraftstoff dürfte dann um zwei Cent pro Liter teurer werden", sagte Rainer Wiek vom Energieinformationsdienst EID, dem Tagesspiegel.

E10 ist ein Ladenhüter

Da, wo es ihn gibt, ist E10 ein Ladenhüter. Viele Verbraucher haben Angst, den neuen Kraftstoff zu tanken, weil sie befürchten, dass ihr Auto Schaden nimmt. Begründet ist diese Sorge allerdings meist nicht. 93 Prozent aller Modelle und 99 Prozent der deutschen Fabrikate vertragen E10. Welche das sind, können Autofahrer in der Liste der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) im Internet nachlesen oder bei den Herstellern erfragen. Dennoch tanken nur 30 Prozent der Autofahrer den Biosprit, die anderen bleiben bei Super oder Super Plus und nehmen höhere Preise in Kauf.

Vor allem Super ist deutlich teurer geworden. An vielen Tankstellen kostet der Sprit inzwischen genauso viel wie Super Plus - eine rasante Entwicklung. Bis vor wenigen Wochen war der Liter Super nämlich noch fünf Cent billiger als das höherwertige Super Plus. Noch ist der Preisschritt nicht überall vollzogen. Ob weitere Tankstellen die Super-Preise anheben, hängt von der weiteren Entwicklung beim E10 ab. "Wenn die Tankstellen E10 einführen, geht das klassische Super im Preis hoch", prognostiziert Steffen Bock vom Internetportal Clever-tanken.de, das täglich die Entwicklung der Spritpreise vergleicht. Auch die Mineralölfirmen, die sonst nur ungern über ihre Preise sprechen, geben offen zu, dass sie die Preise für den Super-Kraftstoff flächendeckend hochgesetzt haben, um E10 durchzusetzen. "Mit der Einführung von E10 haben wir die Preise für Super und Super Plus angeglichen", bestätigt Aral-Sprecher Tobias Wolny. Super kostet jetzt bei Aral und BP genauso viel wie Super Plus und bis zu acht Cent mehr als E10. Auch Total-Sprecherin Carola Backes kündigte Preiserhöhungen beim Super an. "Wenn wir E10 einführen, wird Super auf den Preis von Super Plus angehoben", räumte sie ein. Das habe aber nichts mit Preistreiberei zu tun, sondern mit den drohenden Strafzahlungen und den knappen Vorräten.

Der ADAC will das nicht gelten lassen. "Am Ende zahlt immer der Autofahrer", sagte Verbandssprecher Maximilian Maurer dem Tagesspiegel. Strafzahlungen, die ihnen per Gesetz drohen, würden die Konzerne einfach auf den Spritpreis aufschlagen. Und mit dem hohen Preis, den die Autofahrer fürs Super zahlen, mache die Benzinbranche schon jetzt Kasse. Allerdings sei die Schmerzgrenze inzwischen für viele Menschen erreicht, glaubt Maurer. Bei einem 50-Liter-Tank mache der Preisunterschied zwischen E10 und Super vier Euro aus, "da probieren viele vielleicht doch den neuen Sprit aus".

Auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) ist auf die Benzinbranche nicht gut zu sprechen. "Die Wirtschaft darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen und die Kunden die Zeche zahlen lassen", kritisierte sie am Donnerstag Abend. Im vergangenen Herbst las sich das noch anders. Im Gesetzentwurf zum E10 hieß es damals: Auswirkungen auf die Verbraucherpreise "sind nicht zu erwarten".

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