Wirtschaft : Biotech-Träume für den Psychiater

Die Vorstände der Teltower Codon AG werfen sich Geheimnisverrat und Wahnsinn vor – ein Millionen-Geschäft mit Zelltransplantaten liegt derweil brach

Daniel Rhee-Piening

Sie waren ein Traumpaar der Biotech-Branche, ihr Unternehmen das Schmuckstück der Hochtechnologie-Förderregion der Stadt Teltow: Karl-Gerd Fritsch und Olivera Josimovi´c-Alasevi´c und ihre Firma Codon. Bis sich die beiden Unternehmer-Wissenschaftler in Sachen Zelltransplantate so zerstritten, dass das Unternehmen nun in Gefahr ist.

Inzwischen haben die Anwälte das Sagen, Psychoanalytiker liefern Ferndiagnosen über die Persönlichkeitsstruktur der Forscher, Unternehmensberater stoßen Beschimpfungen aus, potenzielle Finanzinvestoren winken entnervt ab. Die Aktie des Zelltransplantate-Herstellers Codon, einst mit Kursen von mehr als 20 Euro bezahlt, ist darüber zum Zockerpapier geworden. Am Freitag notierte das Papier noch mit 3,10 Euro.

Der Grund für den Streit: die weitere Strategie für das Unternehmen, dessen 31 Mitarbeiter jetzt um ihre Jobs zittern. Fritsch, inzwischen gefeuerter gleichberechtigter Ex- Vorstand, sucht einen Finanzinvestor, der frisches Geld für Codon bringt, aber Forschung und Vertrieb in Teltow lässt. Seiner ehemalige Vorstandskollegin Olivera Josimovi´c-Alasevi´c, die nun allein im Unternehmen herrscht, wirft er vor, die Technologie an Amerikaner verschleudern zu wollen. Sie bestreitet dies. Auch sie wolle in Teltow bleiben, aber die Vertriebsmacht der Amerikaner nutzen. Die sollen die Codon-Produkte in US-Kliniken und Arztpraxen bringen.

„Absolut nebulöse Vorgänge“

Und die Produkte sind einmalig. Aus körpereigenen Zellen eines Patienten werden Knorpelzellen, Gefäßwand- und Bandscheibenzellen in Reagenzgläsern gezüchtet und dem Patienten eingesetzt. In dessen Körper wachsen sie weiter und können so zum Beispiel künstliche Gelenke überflüssig machen. Doch im Augenblick interessieren sich die beiden Kontrahenten dafür offenbar wenig.

Der Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), Michael Kunert, klagt über „absolut nebulöse Vorgänge“ bei dem Unternehmen. Zwei Vorstände trügen ihre Eitelkeiten auf dem Rücken der Aktionäre aus, sagt er und warnt: „Codon ist insolvenzgefährdet.“ Und das ohne Grund: Laut seriösen Schätzungen winkt vor allem in den USA ein Millionen-Dollar-Geschäft, wenn die Firma nur wieder handlungsfähig würde.

2001 war das Unternehmen an die Börse gegangen, damals zogen die beiden Gründer noch an einem Strang. Beide sicherten sich je 21 Prozent an der Firma, die sie auch heute noch besitzen. Doch mit der Gemeinsamkeit der beiden Gründer war es bald vorbei. Meline Bahner kam ins Spiel, Psychologin, Psychoanalytikerin und Unternehmensberaterin in einer Person. Von ihrem Rat erhofften sich die beiden Biotech-Forscher Vermittlung und Versöhnung. Vergebens. Josimovi´c-Alasevi´c kündigte die Dienste der Beraterin, Fritsch dagegen beschäftigte sie weiter. Bahner selbst sagt inzwischen, dies sei kein klassischer „Paar-Konflikt“, sondern ein Fall von Wirtschaftskriminalität. Sie sei zunächst von Herbst 2001 bis zum Herbst 2002 als Mediatorin bei Codon tätig gewesen, danach als Unternehmensberaterin.

Der Krach aber hatte eine neue Facette: Die, ob Bahner als Unternehmensberaterin oder als Fritsch-Analytikerin auf der Honorarliste der Firma stand. Denn: Als Josimovi´c-Alasevi´c in diesem Frühjahr in den USA Kooperationen für Codon aushandelte, witterten Fritsch und Bahner Geheimnisverrat – und reisten auf eigene Faust in die USA. Ohne Erfolg. Die gewünschten Gesprächpartner ließen das Duo abblitzen. Fritsch und Bahner wittern Verschwörung, Josimovi´c-Alasevi´c dagegen Wahnsinn: „Fritsch hat sich in Amerika kompromittiert“, sagt sie.

Klar, dass über solch gravierende Probleme eine Kleinigkeit aus dem Blickfeld geriet: Codon hat, so schätzt Aktionärsschützer Kunert, derzeit nur noch etwa vier Millionen Euro zur Verfügung. Verbrannt würden etwa 270 000 Euro im Monat. Die Uhr tickt. Ohne seine Schuld, sagt Fritsch. Denn bereits im Mai dieses Jahres hätten ein Mitglied des Aufsichtsrats und seine Vorstandskollegin den Einstieg eines milliardenschweren Finanzinvestors aus der Schweiz blockiert. Der Investor habe bei der Deutschen Bank 600 Millionen Euro als Sicherheit hinterlegt. Edgar Most, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank Berlin habe sich um den Investor gekümmert, sagt Fritsch. Der Banker hat den Aufsichtsrat inzwischen verlassen. An Fritsch schrieb er zum Abschied, er sehe keine Möglichkeit, einen vernünftigen Weg für das Teltower Unternehmen zu finden.

Sie habe nicht einmal eine Visitenkarte dieses ominösen Investors gesehen, argumentiert dagegen Josimovi´c-Alasevi´c. Viel besser sei ihre Strategie, große US-Orthopädiekonzerne zu finden, die sich für die Produkte von Codon interessieren und sich an den Kosten für die Forschung beteiligen.

Zwei Amerikaner sind inzwischen in den Aufsichtsrat von Codon eingezogen. Einer von ihnen ist Edward Miller. „Miller ist ärztlicher Berater und praktizierender Orthopäde, er sitzt in einem der zuständigen Ausschüsse der US-Zulassungsbehörde“, sagt Josimovi´c-Alasevi´c. „Er kann uns die Türen zu wichtigen Kliniken öffnen.“ Das Urteil von Fritsch fällt – wie nicht anders zu erwarten – vernichtend aus: „Miller war Präsident von Codon USA. Wir haben uns von ihm getrennt.“ Über den zweiten Amerikaner im Aufsichtsrat, Lew Bennett, sagt er: „Ich hätte ihn lieber am Verhandlungstisch als im Unternehmen.“ Bennett sitze nämlich auch in den Aufsichtsgremien der Konkurrenz. Josimovi´c-Alasevi´c betont hingegen, Bennett sei Vorstandsmitglied einer weltberühmten New Yorker Spezialklinik für Orthopädie.

Hauptversammlung im September?

Für Fritsch ist die Neubesetzung des Aufsichtsrats ein Indiz dafür, dass die Technologie von Codon in die USA ausverkauft werden soll. Josimovi´c-Alasevi´c hält dagegen: „Es wird keinen Ausverkauf und keinen Abbau von Arbeitsplätzen in Teltow geben – im Gegenteil.“ Codon solle durch Vertriebs-Kooperationen weltweit Umsatz machen. Glaubt man ihren Worten, können die Aktionäre noch im September auf einer Hauptversammlung darüber entscheiden. Bis zum Monatsende soll die Einladung verschickt werden. Und Josimovi´c-Alasevi´c nennt schon mal Zahlen für 2002: Bei einem Umsatz von 735000 Euro machte Codon wegen seiner immensen Forschungsaufwendungen einen Verlust von 4,5 Millionen Euro.

Ein Geschäftsbericht für 2002 liegt allerdings immer noch nicht vor. Die beiden Vorstände sind sich zwar über die Zahlen in der Gewinn- und Verlustrechnung einigermaßen einig, für einen gemeinsamen Lagebericht reichte es allerdings nicht mehr. Aktionärsschützer Kunert will jetzt Druck machen. Sollte der Bericht nicht bald vorgelegt werden, will er bei Gericht die Verhängung von Zwangsgeldern beantragen.

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