Wirtschaft : Biotechnologie: Berliner Senat wegen Förderpolitik in der Kritik

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Berliner Wissenschaftler und Unternehmen haben die Biotechnologie-Förderpolitik des Senats heftig kritisiert. "Wir brauchen noch mehr zentrale Verantwortung und Führung für die Biotechnologie" sagte Günter Stock, Forschungsvorstand der Schering AG, auf einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer am Mittwoch in Berlin. Ansonsten vergebe die Stadt trotz einer hervorragenden Ausgangsposition die Chance, zu einer Biotech-Region ersten Ranges zu werden.

In Berlin/Brandenburg gebe es heute fünf Senatsstellen, die sich um die Biotechnologie kümmerten, sagte Stock. Trotz eines gemeinsamen Willens zur Förderung der Technologie gebe es zu viel Abstimmungsbedarf "über Ämter und Ländergrenzen hinweg". Stock forderte die Politik auf, die Zuständigkeit zu zentralisieren und Technologiepolitik "zur Chefsache" zu machen. Um die Zuständigkeiten zu bündeln, forderte er darüber hinaus, dem Biotech-Aktionsbüro "Bio-Top" mehr Entscheidungskompetenzen einzuräumen. Das Büro war 1995 gegründet worden, um die Biotech-Aktivitäten der Länder Berlin/Brandenburg und der verschiedenen Ministerien zu koordinieren und kämpft seitdem um Anerkennung.

Davon kann bislang keine Rede sein. "Berlin ist für mich völlig undurchschaubar, es ist mir völlig unklar, wer welche Entscheidungen trifft", kritisierte Hans Lehrach, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Molekulare Genetik. Aufgrund bürokratischer Probleme seien schon mehrere Berliner Biotech-Gründungen an andere Standorte abgewandert. "Ohne administrative Unterstützung gehen die Firmen nach Martinsried", warnte Lehrach. Als Beispiel nannte er das Neue-Markt-Unternehmen GPC,, das seinen Sitz bereits nach Martinsried verlegt hat. Die Gemeinde vor den Toren Münchens gilt dank einer konsequenten Förderpolitik der bayerischen Landesregierung heute als erfolgreichster deutscher Biotechnologie-Standort.

Das Problem hat auch die Politik erkannt und räumte Handlungsbedarf ein. "Für ein dauerhaftes Wachstum reicht das bisher Erreichte noch nicht aus", sagte Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD). Dafür sei es notwendig, noch stärkere qualitative Anstrengungen zu unternehmen, Forschungsschwerpunkte zu setzen und Potenziale enger zu verknüpfen. Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD), der in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit gekommen war, sagte, der Senat werde prüfen, wie die Biotechnologie zur Chefsache gemacht werden könne. Es sei notwendig, Entscheidungen schnell und unverzüglich auf den Weg zu bringen.

Die Region zählt 80 Biotechnologie-Unternehmen, die sich auf sieben Biotech-Parks verteilen. Im Wettbewerb Bio-Profile des Bundesforschungsministeriums gehörte Berlin-Brandenburg zu den drei Siegern.

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