Wirtschaft : Biotechnologie: Bernd Seizinger: "Es gibt zu viele Biotech-Firmen in Deutschland"

Herr Seizinger[am Dienstag wird in Berlin der neu]

Bernd R. Seizinger ist Professor für Molekularbiologie und Vorstandsvorsitzender der GPC Biotech AG in Martinsried bei München.

Herr Seizinger, am Dienstag wird in Berlin der neue Deutsche Biotechnologie-Report 2000 der Unternehmensberatung Ernst & Young vorgelegt, der als Gradmesser für den Entwicklungsstand der Branche in Deutschland gilt. Wie schätzen Sie das Klima für biotechnologische Forschung in Deutschland ein?

Wenn mich vor vier Jahren jemand gefragt hätte, ob ich nach 15 Jahren in den USA nach Deutschland zurückgehe, hätte ich den für verrückt erklärt. Seitdem haben sich Gesetzgebung und öffentliche Meinung um 180 Grad gedreht. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich extrem gebessert, die Behörden sind unglaublich flexibel geworden und das Thema Biotechnologie wird in der Öffentlichkeit heute sehr viel differenzierter diskutiert als noch vor einigen Jahren. Damals herrschte die Meinung vor, dass wir die Keimbahn manipulieren wollten. Heute sehen viele, dass wir dank der Biotechnologie am Beginn der wahrscheinlich größten Revolution in der Geschichte der Medizin stehen.

Was war der Auslöser für den Stimmungsumschwung?

Deutschland musste befürchten, dass es einen der wichtigsten Industriezweige des 21. Jahrhundert verpasst. Gerade noch rechtzeitig hat das Forschungsministerium unter Jürgen Rüttgers 1995/96 den BioRegio-Wettbewerb ausgerufen, der den Wettbewerb zwischen Biotechnologie-Unternehmen und Regionen um staatliche Fördergelder angeregt hat und inzwischen mit BioChance nachgelegt.

Wie wichtig ist staatliche Förderung für die Unternehmen?

Wenn wir den Vorsprung zur US-Konkurrenz aufholen wollen ...

der zurzeit rund zehn Jahre beträgt ...

dann sind wir noch einige Jahre auf staatliche Förderung angewiesen. Wir schaffen das nur, wenn wir jetzt aggressiv investieren. Langsames, organisches Wachstum reicht nicht aus.

Kritiker glauben, dass viele Biotech-Unternehmen in Deutschland eingehen werden, sobald der Staat den Geldhahn zudreht.

Das stimmt. Darum ist es wichtig, dass Unternehmen rechtzeitig von der staatlichen Förderung wegkommen. Es gibt zurzeit zu viele Biotechnologie-Firmen in Deutschland, die Mehrzahl davon wird die nächsten Jahre nicht überleben. Viele werden von größeren Unternehmen übernommen werden. Das ist ein ganz normaler und notwendiger Konsolidierungsprozess.

Wo sehen Sie Nachholbedarf im Vergleich zu US-Unternehmen?

Was in Deutschland vor allem fehlt, sind erfahrene Manager. Viele Unternehmensgründer haben zwar gute wissenschaftliche Ideen, sind aber nicht in der Lage, sie ökonomisch umzusetzen. Fehlendes Management-Potenzial ist einer der wichtigsten limitierenden Faktoren der deutschen Biotechnologie. Darum ist es wichtig, dass wir Führungskräfte aus den USA importieren und vor allem dafür sorgen, dass in den USA forschende Europäer nach Deutschland zurückkommen.

Also eine Greencard auch für die Biotechnologie?

Wenn man in den USA eine Green Card bekommt, hat man damit einen Daueraufenthalt. Die Bundesregierung denkt dagegen an eine begrenzte Aufenthaltsdauer. Der Ansatz ist zwar im Prinzip richtig, aber nicht in allen Fällen ausreichend: Ich glaube kaum, dass das für irgendjemanden ein Anreiz sein wird, nach Deutschland zu kommen.

Welche Alternative zur Green Card gibt es?

Je spannender sich das Gründungsklima in Deutschland entwickelt, desto eher werden Top-Leute bereit sein, freiwillig zu kommen. Im Moment sehe ich gute Chancen.

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