Wirtschaft : Biotechnologie: Debatte ist der Forschung voraus

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Einen Tag vor der Diskussion im Deutschen Bundestag zur Gentechnik haben am Mittwoch Wirtschaftsvertreter davor gewarnt, die politische Diskussion um die ethischen Grenzen der Genforschung in eine Grundsatzdebatte über die Biotechnologie in Deutschland auszuweiten. Streitpunkte wie die Forschung an embryonalen Stammzellen oder die Präimplantationsdiagnostik (PID) behandelten zwar "Optionen, die zu Recht in allen Teilen der Gesellschaft diskutiert würden", sagte Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA). Der Kern der biotechnologischen Forschung in Deutschland sei von der aktuellen Debatte nicht betroffen, sagte Yzer. Die ethischen Fragen dürften daher "nicht mit dem bewährten Einsatz der Biotechnologie für die Erforschung und Herstellung innovativer Arzneimittel" in einen Zusammenhang gestellt werden.

Nach VfA-Angaben sind derzeit 80 gentechnisch hergestellte Arzneimittel mit 60 verschiedenen Wirkstoffen auf dem Markt. 1986 war Insulin als erstes gentechnisch hergestelltes Medikament in Deutschland zugelassen worden. Für weltweit agierende Pharmaunternehmen - die der VfA vor allem vertritt - hat die nationale Debatte ohnehin kaum Auswirkungen. Global aufgestellte Konzerne wie Bayer, die die Mittel der Biotechnologie für die Herstellung von Medikamenten nutzen, haben schon jetzt die Möglichkeit, hierzulande umstrittene Forschung in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien zu verwirklichen.

Wettbewerbsnachteile könnten mittel- und langfristig eher die kleinen und mittleren Biotech-Unternehmen in Deutschland erleiden, befürchtet Jens Katzek, Geschäftsführer der Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) in Frankfurt (Main). Allerdings nur dann, wenn sich herausstellen sollte, dass die umstrittene Forschung mit embryonalen Stammzellen im Vergleich mit der breit akzeptierten Forschung mit adulten, also erwachsenen, Stammzellen "einzigartig" für die medizinische Entwicklung sei. Noch allerdings, da sind sich Forscher und Unternehmensvertreter einig, ist es viel zu früh, um darüber eine Aussage zu treffen. Aktuell forsche keines der DIB-Mitgliedsunternehmen an embryonalen Stammzellen, sagt Katzek.

Alfred Müller, Biotech-Experte der Unternehmensberatung Ernst & Young, warnte davor, das deutsche Embryonenschutzgesetz unter dem Druck der Diskussion eiligst den liberaleren Gesetzen in den USA und Großbritannien anzupassen. "Wir sind in der Grundlagendiskussion einfach noch nicht so weit", sagte der Experte, der eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes ablehnt. Andererseits mahnte er, zu lange diskutieren. Ansonsten könne derselbe Rückstand entstehen wie vor einem Jahrzehnt, als das aus Industrie-Sicht rigide erste Gentechnikgesetz die Entwicklung der Biotech-Branche in Deutschland um Jahre zurückwarf. Biotech-Unternehmen und Forscher gingen damals in die USA und nach Großbritannien. In der aktuellen Debatte gehe es ohnehin weniger um die aktuelle Forschung, als um die Frage, "welches Bild wir erzeugen", sagte Andreas van de Locht, Biotech-Fachmann der Unternehmensberatung Bain & Company. Wichtig sei jetzt, ein innovationsfreundliches Umfeld zu schaffen.

In einer Studie kommt die Unternehmensberatung zu dem Ergebnis, dass die deutsche Biotech-Branche in den kommenden fünf Jahren - trotz aller politischen Querelen - weiter rasant wachsen wird. Die Zahl der Mitarbeiter werde sich bis 2005 mehr als verdoppeln. Die Zahl der Biotech-Firmen werde bis 2005 auf rund 430 anwachsen und dann 23 000 Mitarbeiter beschäftigen. Der Umsatz werde auf gut 1,6 Milliarden Dollar (3,6 Milliarden Mark) steigen - doppelt so viel wie jetzt. Derzeit gibt es in Deutschland 332 Biotech-Firmen mit knapp 11 000 Mitarbeitern.

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