Wirtschaft : Biotechnologie: Deutsche Branche startet Aufholjagd

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Die Biotechnologie will sich in den nächsten zehn bis 15 Jahren zu einer der attraktivsten Branchen in Deutschland entwickeln. "Ich rechne mit stabilen zweistelligen Zuwachsraten", sagte der Vorsitzende der Vereinigung Deutscher Biotechnologie-Unternehmen (VBU), Lutz Müller-Kurth, auf der Jahrestagung der Biotechnologen am Mittwoch in Leipzig. "Bei den Arbeitskräften werden wir in den nächsten Jahren sicherlich die Zahl 100 000 erreichen", sagte Müller-Kurth.

Derzeit arbeiten 10 000 bis 15 000 Menschen in deutschen Biotech-Unternehmen. Die schlechte Situation an den Finanzmärkten sowie die hohen Investitionskosten hätten weltweit großen Druck auf die Branche ausgeübt, sagte Müller-Kurth. Investoren und Analysten erwarteten mit zunehmender Ungeduld Profite anstelle von Visionen. Profitabel seien mit Qiagen und Cybio aber gerade einmal zwei deutsche Firmen. Da die Finanzmärkte auf Dauer keine zuverlässige Geldquelle seien, müssten Biotech-Firmen versuchen, unabhängiger vom Kapitalmarkt zu werden, sagt Peter Heinrich, Chef der Münchner Biotech-Firma Medigene.

Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Kooperationen mit Pharmakonzernen weiter zunehmen wird. "Allianzen mit der Pharma-Industrie sind unabdingbar für den Aufbau erfolgreicher Biotech-Unternehmen", sagte Heinrich. Durch die Kooperation könnten Biotech-Firmen neue Geldquellen erschließen und schnellen Zugang zu internationalen Märkten erreichen. Die besten Chancen hätten Unternehmen mit selbst entwickelten Produkten.

Der Markt für Medikamente soll in den nächsten Jahren um je sechs bis acht Prozent wachsen. Zurzeit sind die meisten der 280 kleinen und mittleren Biotech-Firmen in Deutschland nur Dienstleister für die Pharmaindustrie. Unternehmer rechnen damit, dass es nach dem starken Wachstum - mit jährlichen Steigerungsraten von bis zu 20 Prozent - nun zu Konsolidierungen und Übernahmen kommen wird. Umgekehrt sei für Pharmakonzerne die Motivation größer, mit Biotech-Unternehmen zusammenzuarbeiten. Die Konzerne könnten zu attraktiven Preisen und bei geringem Risiko die eigene "Innovationslücke" schließen, sagte Medigene-Chef Heinrich. Um in Zukunft ein zehnprozentiges Wachstum zu erreichen, müssten sie pro Jahr fünf neue Medikamente mit einem Umsatz-Potenzial von 500 Millionen Dollar auf den Markt bringen.

"Wir gehen eine Schicksalsgemeinschaft ein", sagte Heinrich. Experten hoffen, dass deutsche Biotech-Unternehmen in den kommenden Jahren zur ernsten Konkurrenz für mittelständische Pharma-Unternehmen heranwachsen werden. In 20 Jahren würden 90 Prozent aller Medikamente von Biotech-Unternehmen entwickelt, sagte Heinrich voraus. "Die Aufholjagd hat begonnen", sagte der Biochemiker, "aber wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen." Im Vergleich zu den USA betrage der Rückstand deutscher Firmen acht bis zehn Jahre.

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