Wirtschaft : Biotechnologie: Gen-Werbung im Bierzelt

Maren Peters

Die CDU rebelliert. Kaum haben Parteichefin Angela Merkel und der Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz angekündigt, den umstrittenen Import von embryonalen Stammzellen verbieten zu lassen, melden sich Kritiker zu Wort, denen bei dem Gedanken an ein Totalverbot nicht wohl ist. Sie haben Widerstand angekündigt. Am Montag soll das Thema im Fraktionsvorstand, am Dienstag in der Fraktion beraten werden. Grafik: Die größten Biotechnologie-Regionen Die Kritiker haben Angst. Angst, dass im Wettbewerb um die führende Biotechnologie-Region in Deutschland der Standort Martinsried bei München auf Dauer den Kürzeren ziehen könnte. Das wäre auch eine herbe Niederlage für Ministerpräsident Edmund Stoiber. Den CSU-Mann und Hightech-Förderer, der als Kanzlerkandidat der Union in den kommenden Bundestagswahlkampf ziehen will, könnte ein Punktverlust in der zukunftsträchtigen Biotechnologie auch politisch empfindlich treffen.

Die Konkurrenz kommt nicht zufällig aus dem rot-grün-regierten Westen der Republik. Dort legt sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) gerade mächtig ins Zeug, um sein im nationalen Gen-Wettkampf hinterherhinkendes Bundesland als besonders liberalen Biotechnologie-Standort ins Gespräch zu bringen. Und sich selbst als Macher einer Politik zu präsentieren, die Wege eröffnet, statt Chancen zu verhindern. Wie man das macht, hat Clement ausgerechnet beim bayerischen Ministerpräsidenten abgeschaut. "Stoiber hat Ende der 80er Jahre in jedem Münchner Bierzelt Stimmung für die Gentechnik gemacht", sagt der Chef der Biotech-Koordinationsstelle Bio-M in Martinsried, Horst Domdey. Auch damals war der Widerstand gegen die neue Technologie groß.

Clement ist nicht ins Bierzelt gegangen, sondern nach Israel geflogen. Und hat mit seiner Ankündigung, den Bonner Wissenschaftler Oliver Brüstle beim umstrittenen Import von embryonalen Stammzellen aus Haifa tatkräftig zu unterstützen, für reichlich Wirbel gesorgt. In Deutschland ist die Einfuhr und Forschung mit embryonalen Stammzellen zwar nicht ausdrücklich verboten aber auch nicht ausdrücklich erlaubt.

Dass es dem NRW-Landeschef gelingt, den Rückstand des Rheinlandes zur Nummer eins unter den deutschen Bio-Regionen - Martinsried - zu schmälern, ist dennoch unwahrscheinlich. Die Bio-Region Rheinland - eine von vier größeren Zentren in Deutschland - ist nach Aussage von Boston-Consulting-Geschäftsführer Michael Steiner stark "zerfleddert". Der Campus-Charakter, das Netzwerk der kurzen Wege, das vor allem Martinsried auszeichnet, sei nicht vorhanden. Zudem sei die Region von starken Eigeninteressen zwischen den Standorten Bonn, Köln und Düsseldorf geprägt, sagt Steiner. Alles in allem habe das Rheinland wenig Chancen, Martinsried seinen Rang streitig zu machen.

Die Konkurrenz sitzt ganz woanders. Nicht am "Bio-River" im Westen, sondern im Nordosten der Republik: In der Region Berlin-Brandenburg. Nach einer im März veröffentlichten Studie der Boston Consulting liegt die Hauptstadt-Region nach der Zahl der Unternehmen bereits vor allen anderen deutschen Biotech-Zentren. 80 junge Biotech-Firmen haben sich inzwischen an Spree und Havel angesiedelt, München-Martinsried kommt auf 67, das Rheinland auf 75, verteilt allerdings auf das gesamte Land. Berlin hat nach Einschätzung von Boston-Consulting-Geschäftsführer Steiner mit den Max-Planck-Instituten, dem Deutschen Herzzentrum, dem Max-Delbrück-Zentrum und mehreren Universitäten eine kritische Masse an Forschungseinrichtungen, einen guten Technologietransfer und genügend Kapital von staatlicher Seite. Insgesamt hat die Hauptstadt in den vergangenen Jahren nach Auskunft des Bundesforschungs-ministeriums 80 Millionen Mark an Subventionen eingesammelt - so viel wie keine andere Bio-Region in Deutschland. Und im Gegensatz zu Martinsried, wo es inzwischen keinen freien Quadratmeter mehr zu mieten gibt, hat Berlin einen entscheidenden Vorteil: Hier gibt es viel mehr Labor- und Bürofläche. "Berlin ist München auf der Spur", sagt Steiner.

Vor ein paar Jahren war daran noch gar nicht zu denken. Beim "Bio-Regio-Wettbewerb" des Bundesforschungsministeriums, der 1995 die Biotechnologie-Industrie in Deutschland erst zum Leben erweckte, ging Berlin noch leer aus, während die drei Siegerregionen - München-Martinsried, das Rhein-Neckar-Dreieck und Heidelberg - je 50 Millionen Mark Startkapital einsackten.

Seitdem hat Berlin zwar mächtig aufgeholt. Woran es der Hauptstadtregion jetzt allerdings noch fehlt, ist die nötige Reife. Das zeigt sich vor allem an der Zahl der börsennotierten Biotechnologie-Unternehmen. Während es in Martinsried im August 2000 bereits vier waren - darunter Morphosys und Medigene -, die es zusammen auf eine Marktkapitalisierung von rund drei Milliarden US-Dollar brachten, zählt die Region Berlin-Brandenburg gerade zwei: Codon und Mologen. Mindestens drei weitere - Atugen, Metagen und Metanomics - wollen bald nachziehen.

Zudem hat die bayerische Landeshauptstadt München den Vorteil, dass sie mit Bio-M eine starke Koordinationsstelle besitzt und unangefochtene Hauptstadt des Venture Capitals ist. Hier investieren inzwischen mehr als 20 ortsansässige Finanzunternehmen in Biotech-Unternehmen, darunter Europas größte Beteiligungsgesellschaft 3i, Techno-Venture Management (TVM) und Global Life Sciences. In Berlin dagegen haben bislang kaum eine Hand voll solcher Finanz-Firmen ein Büro eröffnet.

Aber das Interesse an der Hauptstadtregion wächst. "In drei bis fünf Jahren", schätzt Holger Müller von 3i, "könnte die Bio-Region Berlin an München vorbeiziehen."

Ob der Sieg nach Punkten den Preußen letztlich hilft, steht aber auf einem ganz anderen Blatt. Denn während sich die Biotech-Regionen und ihre politischen Fürsprecher hier zu Lande gegenseitig das Leben schwer machen, baut die Biotechnologie-Nation Nummer eins - Amerika - ihre Führungsposition auf dem Weltmarkt weiter aus. "Im Vergleich zu den USA", sagt der Bio-Geldgeber Müller, "hängt Deutschland noch 15 Jahre hinterher".

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