Biotechnologie : "Golfen interessiert mich überhaupt nicht"

Biotech-Unternehmer Jens Schneider-Mergener im Interview über die millionenschwere Übernahme von Jerini und den Mut zum Neuanfang.

Jens Schneider Mergener
Jens Schneider Mergener. -Foto: Imago

Herr Schneider-Mergener, Sie sind 52 und haben eigentlich ausgesorgt. Vor 14 Jahren gründeten sie die Biotech-Firma Jerini, jetzt haben Sie sie für 370 Millionen Euro verkauft. Gehen Sie jetzt Golf spielen?

Bestimmt nicht! Golfen interessiert mich überhaupt nicht. Ich brauche auch keine Yacht oder ein tolles Auto. Außerdem habe ich das Geld noch gar nicht. Die formalen Voraussetzungen für den Verkauf meiner Jerini-Anteile – das waren zuletzt rund 4,5 Prozent – sind erst jetzt erfüllt. In den nächsten ein, zwei Wochen verkaufe ich mein Aktienpaket an Shire.

Die Dimension der Übernahme ist für ein deutsches Biotech-Unternehmen einzigartig. Trotzdem gelten Sie hier als Verlierer, der es nicht geschafft hat, aus eigener Kraft weiterzumachen. Eine typisch deutsche Reaktion?

Kann schon sein. Ich war gerade auf einem Kongress in New York, dort sagten alle: ’Congratulations’. Hier dagegen schreiben alle: Jerini gibt auf. Dabei ist der Verkauf für die Aktionäre ein Riesenerfolg. Wir haben für sie viel Geld verdient. Die 6,25 Euro pro Aktie, die wir erzielt haben, hätten wir selbst kaum erreicht. Bei einer Kapitalerhöhung – die auch zur Diskussion stand – hätten wir vielleicht zwei Euro pro Aktie erzielt. Bis wir den Wert mehr als verdreifacht hätten, wäre das außerdem mit enormen Risiken verbunden gewesen.

Wann war klar, dass Sie verkaufen?

Erst ganz kurzfristig, am Morgen des 3. Juli. Nachts haben wir noch mit den Briten darüber verhandelt, was mit dem Unternehmen und den Mitarbeitern passiert. So ein Deal kommt erst zustande, wenn die Tinte trocken ist. Darum wussten wir das auch erst ganz kurz vorher, ob das auch wirklich klappt.

Was wäre die Alternative gewesen?

Wir haben unterschiedliche Optionen geprüft. Das Problem war, dass wir im Herbst neues Geld brauchten, um die Firma weiterzuführen, und insbesondere, um unser neues Medikament selbst auf den Markt zu bringen. Für eine Kapitalerhöhung war das Marktumfeld sehr schlecht, Biotechwerte sind am Boden, unser Kurs war es auch. Einem anderen Unternehmen die Lizenz auf das Medikament zu geben, wollten wir nicht. Die Kronjuwelen wären dann weg gewesen und die Auswirkungen auf den Kurs hätte keiner absehen können. Also blieb – bei diesem Angebot – letztendlich nur der Verkauf.

Gab es viele Kandidaten?

Es haben viele Unternehmen bei uns angeklopft. In so einer Situation ist es extrem wichtig, dass man nicht nur mit einer Partei verhandelt, sonst hätten wir auch nicht diesen Preis erzielt. Shire hat am Ende das beste Angebot gemacht.

Wer hat außerdem noch mitgeboten?

Es waren eine große deutsche Pharmafirma sowie drei amerikanische Firmen am Bieterprozess beteiligt.

Das Unternehmen ist Ihr Lebenswerk. Fällt es Ihnen schwer loszulassen?

Ich kenne Biotech-Unternehmer, die ihre Firma zwar erfolgreich aufgebaut, aber dann nicht erkannt haben, wann es Zeit war, andere kompetentere Leute reinzulassen und letztlich gescheitert sind. Ich musste als Vorstandschef des Unternehmens im Sinne der Aktionäre handeln. Und wenn solch ein Angebot auf dem Tisch liegt, kann man nicht nein sagen.

Wie geht es jetzt weiter mit Jerini?

Wir sind in den nächsten Monaten noch mit dem Verkaufsstart unseres Medikaments beschäftigt, der für Anfang September geplant ist. Aber den Namen Jerini wird es nach der Übernahme nicht mehr geben. Diese sollte im vierten Quartal abgeschlossen sein.

Und was wird aus den 150 Mitarbeitern?

Das ist noch nicht klar. Allerdings sehe ich es jetzt als meine vordringlichste Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass so viele Mitarbeiter wie möglich ihren Arbeitsplatz behalten. Erst dann wäre die Übernahme für mich rund.

Was können Sie dafür tun?

Wir werden Shire vorschlagen, bestimmte Projekte, an denen sie nicht interessiert sind, auszugründen und damit eine neue Firma zu gründen. Zum Beispiel haben wir drei Medikamentenkandidaten, an denen wir seit Jahren arbeiten, darunter ein Krebsmittel, ein Produkt gegen akutes Nierenversagen, sowie ein oral verabreichbares Nachfolgepräparat für Icatibant. Die Briten sind vielleicht sogar bereit, sich an der neuen Firma zu beteiligen. Der alte Jerini Vorstand wird, allerdings in etwas anderer Konstellation, die neue Firma leiten.

Gibt es eine Zukunft für den Standort Berlin?

Shire findet Berlin nicht uninteressant, aber es gibt noch keine Entscheidung. Ich denke, wir werden in den nächsten zwei Monaten Klarheit haben.

Sie haben demnächst viel Geld auf dem Konto. Könnten Sie sich vorstellen, noch mal ein Unternehmen zu führen?

Vorstandschef eines Unternehmens will ich nicht mehr sein, als Aufsichtsrat stehe ich dagegen gern zur Verfügung.

War es so schlimm als Unternehmer?

Unterm Strich hat es großen Spaß gemacht, allerdings habe ich am Anfang völlig unterschätzt, wie komplex und stressig der Job ist. Außerdem muss man als Unternehmer eine unglaublich hohe Frustrationstoleranz haben. Intelligente Leute gibt’s viele, aber man braucht Ausdauer, um die permanenten Rückschläge wegzustecken. Es geht vieles schief. Das geht aber allen Unternehmen so, vor allem in der Biotechnologie: im besten Fall zwei Schritte vor, einen Schritt zurück. Und trotzdem muss man immer wieder aufstehen und am nächsten Morgen weitermachen.

Das wollen sich offenbar immer weniger Deutsche antun. Die Zahl der Unternehmensgründungen ist 2007 um 20 Prozent gefallen, auf den niedrigsten Stand seit der Jahrtausendwende.

Es gibt hier zu wenig Leute, die bereit sind, ein Risiko einzugehen. Auch die Banken wollen naturgemäß von Gründern riesige Sicherheiten haben. Ich habe die ganze Zeit mein Haus und Hof verwettet, ohne darüber nachzudenken. Ich war vielleicht auch ein bisschen naiv, das hätte ziemlich schief gehen können. Davor scheuen viele Leute, die gerne Unternehmer werden wollen, zurück. Ich sage denen dann immer: ’Entweder ihr seid Unternehmer oder Angestellte.’

Sie haben lange in Kalifornien gelebt. Ist das Klima für Unternehmen in den USA besser?

Es gibt dort viel mehr Firmengründungen, aber auch viel mehr Pleiten. Aber selbst das Scheitern wird dort positiv gesehen, während es hier stigmatisiert ist. Es ist in den USA auch völlig normal, dass Mitarbeiter zwischen unterschiedlichen Firmen wechseln. Dadurch kann wieder etwas Neues entstehen. Bei uns läuft das erst ganz langsam an. Erst wenn die Investoren sehen, dass so etwas möglich ist, sie in angemessenen Zeitrahmen aussteigen und Geld verdienen können, werden sie vermehrt wieder in deutsche Firmen investieren.

Sie halten Scheitern also für normal?

Völlig normal. Fehler machen ist sehr gesund, wenn man daraus lernt.

Wie werden Sie sich künftig die Zeit vertreiben? Unternehmer wollen Sie nicht mehr sein und Golfspielen wollen Sie auch nicht.

Mir ist ganz wichtig, meine gesammelten Erfahrungen und vielleicht auch einen Teil meines Geldes weiterzugeben und junge Leute dazu zu bringen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Ansonsten habe ich wieder große Lust auf Wissenschaft.

Was genau haben Sie vor?

Der Einfluss der Psyche auf die Gesundheit wird immer noch unterschätzt. Daran möchte ich arbeiten und das am liebsten in Zusammenarbeit mit der Charité.

Das Gespräch führte Maren Peters.

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