Wirtschaft : Biotechnologie: Interview mit Friedrich von Bohlen

HB

Friedrich von Bohlen u. Halbach ist Vorstandsvorsitzender der Lion Bioschience AG, einem Bioinformatikunternehmen in Heidelberg. Lion wurde ohne Fremkapital gegründet.



Herr von Bohlen, geraten Sie als Chef eines Biotech-Unternehmens wegen der kompletten Entschlüsselung des menschlichen Erbguts nun in große Euphorie?

Selbstverständlich wissen wir längst, dass die Genkarte des Menschen bald vollständig entschlüsselt vorliegen wird. Von daher war uns das nicht neu. Aber dennoch ist es sehr bedeutsam: Bisher gab es ja nur eine unvollständige Karte über die menschlichen Gene. Das wird nun jedoch anders, und das eröffnet der Biotechnik- und Pharmaindustrie völlig neue Chancen bei der Diagnose und Therapie von Krankheiten.

Was bedeutet die Entschlüsselung für das von Ihnen geführte Unternehmen Lion Bioscience?

Es kommt nun darauf an, die Gene alle zu finden und die Funktionen der Gene genau zu verstehen. Forscher werden weltweit bald mit einer noch wesentlich größeren Menge an Daten umgehen müssen, mit denen sie Genfunktionen analysieren und die Wirkstoffe gegen Krankheiten finden wollen. Wir liefern Software und IT-Konzepte hierfür. Genau darin liegt unsere Chance.

Dann sind also die Bioinformatik-Firmen zunächst die Gewinner nach der Entschlüsselung der Gene?

Zunächst sicherlich schon. Aber natürlich wird auch die ganze Branche profitieren, weil die Erforschung der Genfunktionen und die darauf folgende Wirkstoffsuche und Medikamente-Entwicklung einen enormen Schub bekommen. Die Informationstechnologie wird diese Prozesse in der Biotechnik- und auch in der Pharmaindustrie deutlich beschleunigen und verbessern. Davon haben letztendlich alle etwas.

Wäre es für Lion denn auch vorstellbar, einmal selbst Wirkstoffe und Medikamente herzustellen?

Das ist eigentlich für fast jedes Biotech-Unternehmen sehr interessant. Wir suchen bereits nach Wirkstoffen, stets in enger Integration mit unseren eigenen IT-Lösungen. Wir haben un ein Ziel gesetzt: Wir wollen die SAP der Biotech-Branche werden. Langfristig wollen wir natürlich aus der Wirkstoffsuche weiteres wirtschaftliches Potenzial schlagen.

Was heißt das für das Verhältnis zu den Pharma-Konzernen?

Sie werden in Zukunft mehr Allianzen mit Firmen unserer Branche eingehen, weil die Verlagerung der Forschung hin zu BiotechUnternehmen zunimmt. Diese Entwicklung liegt begründet in der Verfügbarkeit spezialisierter Mitarbeiter, die lieber zu uns kommen als zu großen Konzernen.



Das Gespräch führte Bert Fröndhoff

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