Wirtschaft : Bis Ende des Jahres soll Kinderarbeit abgeschafft sein

THOMAS MAGENHEIM

MÜNCHEN .Der Ball ist rund, wissen die Fußballweisen.Unter welchen Umständen er produziert wird, sieht man ihm nicht an.Um diese ungewöhnliche Frage kümmern sich Hilfsorganisationen wie die Gepa Fair Handelshaus GmbH, Brot für die Welt oder Save the Children.Sie alle werfen führenden Sportartikelfirmen vor, bei der Herstellung von Fußbällen und anderen Produkten in Niedriglohnländern nicht auf faire Arbeitsbedingungen zu achten und Mindeststandards zu vernachlässigen.Nun tauchte sogar der Vorwurf auf, der Fußball-Marktführer Adidas AG aus Herzogenaurach lasse Bälle in chinesischen Straflagern fabrizieren.In einer ersten Reaktion hat Adidas alle Aufträge in China vorerst gestoppt und will die Vorwürfe untersuchen lassen.Eine legale Produktion von Adidas-Bällen in Chinas Gefängnissen sei ausgeschlossen, betont Konzernsprecher Peter Csanadi.Wenn Dissidenten dort wirklich Bälle genäht haben, könne es sich nur um illegale Fälschungen handeln.Im übrigen produziere Adidas - wie alle anderen Hersteller auch - seine Fußbälle vor allem in Pakistan.

Als Hochburg der Fußballnäher gilt dort die Stadt Sialkot.80 Prozent der weltweiten Ballproduktion stammen aus der Stadt der Bälle, schätzen Experten.Von den 25 000 dort damit Beschäftigten seien rund 7000 Kinder, kritisiert die britische Organisation "Save the Children Fund" in einer Studie.Große Sportartikler würden in Sialkot über Unterauftragsnehmer nähen lassen, für die Kinderarbeit und Ausbeutung oft keine Tabus sind.Unter dem Druck dieser Erkenntnis haben Markenhersteller wie Adidas vor Jahresfrist mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Unicef Pakistan und dortigen Produzenten ein Abkommen unterzeichnet, das bis Ende 1998 Kinderarbeit in Sialkot abschaffen soll.

"Es hat sich was getan," beurteilt Gepa-Sprecherin Barbara Schimmelpfennig die ersten Folgen.Fast die Hälfte der Betriebe in Sialkot würden jetzt ohne Kinder arbeiten.Das Problem sei damit aber nicht gelöst.Denn bei Verlagerung der Ballproduktion in kontrollierte Nähzentren würden auch Frauen ihre Arbeit verlieren, weil sie in der islamischen Gesellschaft nicht zusammen mit Männern arbeiten dürfen.

Vor allem aber bleibe der Lohn zu niedrig.Knapp zwei DM erhält ein Näher maximal pro Ball, hat Save the Children ermittelt.Bis zu drei Bälle kann er in Handarbeit täglich nähen.Das reiche ohne Zusatzarbeit von Frauen und Kindern auch in Pakistan nicht aus, um eine Familie zu ernähren, rügt die Gepa die Dumpinglöhne.

Adidas bestreitet das."Ballnäher ist ein relativ guter Job," meint Csanadi.Zur genauen Lohnhöhe will er sich jedoch nicht äußern.Indessen läßt die Gepa selbst in Sialkot Bälle nähen und zahlt nach eigenen Angaben 35 Prozent mehr Lohn als Markenartikler.In Frauennähzentren sichere man zudem den Arbeitsplatz weiblicher Mitarbeiter.Mit 39 bis 79 DM kosten die vom Deutschen Fußballbund (DFB) empfohlenen Gepa-Bälle nicht mehr als vergleichbare Markenbälle, wirbt Schimmelpfennig.Seit April seien allein in Deutschland 50 000 dieser ohne Kinderarbeit fabrizierten Bälle verkauft worden.Künftig sollen europaweit jährlich 100 000 Stück abgesetzt werden.Das unterstützen unter anderem der Trainer des Bundesligavereins SC Freiburg, Volker Finke, und Inter Mailand.

Adidas verkauft jährlich bis zu fünf Mill.Fußbälle.Mit Bällen, Trikots und Schuhen werden branchenweit vier bis fünf Mrd.DM pro Jahr umgesetzt.Das eigene Engagement und das wachsende Bewußtsein von Markenherstellern für die Produktionsbedingungen reiche dabei nicht aus, meint die Gepa.Zum einen gebe es eine Grauzone von Herstellern, die sich an keinen Arbeitskodex halten, sagt Schimmelpfennig und warnt vor Billigbällen um zehn DM.

Zum anderen seien wegen anhaltend niedriger Erwachsenenlöhne großer Markenhersteller die Kinder von Sialkot nun gezwungen, sich andere Arbeit zu suchen.Allgemein würden die großen Sportartikler "problematische Prioritäten setzen", rügt Brot für die Welt.Marktführer Nike lasse in Vietnam für zwölf Stunden Arbeit 4,30 DM zahlen.Zugleich erhalte US-Basketballstar Michael Jordan jährlich 20 Mill.Dollar Werbeprämie von Nike.

Fußbälle seien überhaupt nur die Spitze eines Eisbergs, meint die "Kampagne für Saubere Kleidung", die ebenfalls faire Produktion fordert.Auch Fußballtrikots und Schuhe würden in Vietnam, Indonesien oder China teils unter menschenunwürdigen Bedingungen gefertigt.Adidas bestreitet das für die eigene Produktion.Bei Verstößen gegen die Menschenrechte trenne man sich von Zulieferern, was auch schon geschehen sei.Die Kampagne für Saubere Kleidung läßt sich davon wenig beeindrucken und hat gerade die Postkartenaktion "Gelbe Karte für Adidas" gestartet.Das sei kein direkter Boykott-Aufruf, betont Sprecherin Henrike Henschen.Man wolle aber klarmachen, daß Verbraucher nicht nur Produkt und Preis sondern auch Produktionsmethoden sehen.Adidas müsse als globale Nummer zwei der Branche "auch bei den Sozialstandards in der Weltliga mitspielen".

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