Wirtschaft : Bis zur letzten Masche

Die Pleite des Nähmaschinenherstellers Pfaff zeigt den Wandel der Branche. Das große Geschäft wird heute in Asien gemacht

David C. Lerch

Düsseldorf - Die heile Welt in Kaiserslautern ist schon lange vorbei. Seit 1862 werden dort Nähmaschinen der Marke Pfaff gefertigt. Als größter Arbeitgeber der Stadt beschäftigte das Unternehmen einst rund 10 000 Mitarbeiter – über viele Generationen hinweg. „Früher war es so, wer bei Pfaff angefangen hat, ging dort auch in Rente“, sagt Alexander Ulrich von der IG Metall Kaiserslautern. Vergangene Woche hat der Konzern Insolvenz angemeldet – zum zweiten Mal nach 1999. Rund 180 der weltweit nur noch 700 Stellen sollen gestrichen werden.

Der Niedergang der Pfälzer Marke hat auch hausgemachte Gründe, wie die zuletzt zahlreichen Wechsel an der Führungsspitze und in der Eigentümerstruktur vermuten lassen. Aber an Pfaff zeigt sich auch der gewaltige Wandel, den deutsche Nähmaschinenhersteller wie die gesamte Branche der Textil- und Bekleidungsindustrie in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben. Das Geschäft mit den Nähmaschinen hat sich rasant entwickelt. Mit Omas Haushaltsgerät hat es so gut wie nichts mehr zu tun. Die Nachfrage nach Nähmaschinen für den Eigenbedarf ist in Deutschland quasi weggefallen. „Das ist Ausdruck eines gesellschaftlich-kulturellen Wandels, der sich seit einer Generation vollzieht“, sagt Silvia Jungbauer vom Gesamtverband Textil und Mode. „Nähen macht man nicht mehr selbst.“ Pfaff verkaufte 1999 die Haushaltssparte an die schwedische Firma Husqvarna.

Für die industrielle Herstellung von Textilien sind Nähmaschinen nach wie vor gefragt. Das reicht von mit ganz feinen Nadeln gestrickter Damenunterwäsche bis zu Teppichen, die mit dicken Nadeln genäht werden. Doch bereits seit den 1970er Jahren findet die besonders nähintensive Produktion außerhalb Deutschlands statt – in Ländern, in denen deutlich geringere Löhne gezahlt werden. Anfangs waren das Portugal und Griechenland, später das ehemalige Jugoslawien und die baltischen Staaten. Mit fortschreitender Globalisierung wandern die Hersteller weiter nach Osten. Heute ist man in Asien und hier besonders in China zu Hause. Die betriebswirtschaftliche Rechnung ist einfach: Nach Angaben vom Gesamtverband der deutschen Maschenindustrie verdient eine deutsche Näherin 21 Euro pro Stunde, in China ist das ein Tageslohn.

Auch die deutschen Hersteller von Nähmaschinen haben Teile der Produktion nach Osten verlagert, um ebenfalls Kosten zu sparen. Für Pfaff arbeiten derzeit 300 Menschen in China, der Bielefelder Konkurrent Dürkopp Adler, seit 2005 im Besitz der chinesischen Firma SGSB, beschäftigt derzeit 1200 Mitarbeiter in Tschechien und Rumänien.

Die Masse der Industrienähmaschinen kommt heute direkt aus Asien. „Japan ist der größte Konkurrent der deutschen Firmen. China hat viel kopiert und ist inzwischen der weltweit größte Hersteller“, sagt Elgar Straub vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA). Aber deutsche Nähmaschinen behaupten sich nach wie vor auf dem Markt, besonders wenn es um hohe Qualität geht. „Es ist wie bei den Autos“, sagt Branchenexperte Dean Spinanger, der derzeit für das Kieler Institut für Weltwirtschaft in Hongkong arbeitet, „die Deutschen sind der Mercedes unter den Nähmaschinen“.

Nach Angaben des VDMA reüssieren deutsche Unternehmen, wie etwa die Mittelständler Strobel oder Maier-Unitas, besonders mit Nischenprodukten, zum Beispiel mit Maschinen zur Fertigung von Jeans-Taschen oder von hochwertigen Lederssitzen für Autos. Die Masse der T-Shirts und Oberhemden wird mit anderen Maschinen genäht. Zum Vergleich: Pro Jahr produziert Dürkopp Adler als größter deutscher Hersteller bis zu 25 000 Nähmaschinen. Weltweit sind es fünf Millionen.

Derweil scheint die Reise der Textilindustrie weiterzugehen. Nachdem die chinesische Regierung zuletzt die Sozialabgaben für Näherinnen anhob, mussten einige Betriebe schließen – darunter, wie es scheint, auch zahlreiche Pfaff-Kunden. Größere Unternehmen haben bereits angekündigt, China verlassen zu wollen. Dieses Mal soll es Richtung Süden gehen. Nach Indien, Bangladesch oder Vietnam.

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