Wirtschaft : Bitte recht freundlich

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Von Melanie Hinter

und Tino Andresen

Urlaubszeit ist Fotozeit. Fast jedes zweite der 5,25 Milliarden Bilder, die die Deutschen pro Jahr knipsen, soll die Erinnerung an die schönsten Wochen des Jahres festhalten. Wer sich jetzt vor den großen Ferien eine neue Kamera kaufen möchte, muss allerdings eine schwer wiegende Entscheidung treffen: analog oder digital – soll es eine Kamera mit herkömmlichem Chemiefilm oder ein Apparat mit Computerchip sein?

Glaubt man den Verkaufszahlen, liegen Digitalkameras in Deutschland voll im Trend, während der Markt für analoge Kameras gesättigt ist. Im vergangenen Jahr machten die Fotohändler zum ersten Mal einen höheren Umsatz mit Digitalkameras als mit herkömmlichen. Als der Discounter Aldi vor kurzem die hippen Knipser für nur 399 Euro anbot, waren alle 85000 Exemplare binnen weniger Stunden ausverkauft.

Die kleinen Digitalen überzeugen, weil sie praktisch sind. Die Bilder sind sofort nach dem Auslösen auf dem Display der Kamera sichtbar, misslungene Bilder kann man direkt wieder löschen oder sie am PC nachbearbeiten. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten: Statt einer schmuddeligen und verspäteten Postkarte kann man den Lieben daheim per Internet Urlaubsgrüße samt flottem Farbfoto schicken – in Sekundenschnelle. Dafür sind die analogen Kameras einfacher zu bedienen. Und sie bieten eine bessere Bildqualität. Trotz fortlaufender Verbesserungen kann die Digital- der herkömmlichen Kamera noch nicht das Wasser reichen, urteilt die Stiftung Warentest.

Wer sich eine Digitalkamera kaufen will, muss vor allem auf die Anzahl der Pixel achten. Digitale Bilder sind aus vielen kleinen Punkten zusammengesetzt. Je höher die Auflösung, also die Anzahl der Pixel, desto besser ist auch die Qualität des Bildes. Wer seine Fotos auf Postergröße vergrößern möchte, wählt besser eine Kamera mit einer hohen Pixelanzahl. Heinz-Walter Klein, Vizepräsident des Deutschen Verbands für Fotografie rät zu mindestens drei Mega-Pixeln. „Damit bekommt man Bilder bis zu einer Größe von 18 mal 24 Zentimetern in guter Qualität.“ Ein Nachteil preiswerter Apparate sei zudem die lange Speicherzeit von bis zu einer Sekunde. So lange braucht die Kamera, um das Bild auf die Speicherkarte zu laden und wieder bereit für die nächste Aufnahme zu sein. Achten sollte man beim Kauf einer Digitalkamera zudem – wie bei einer Analogkamera – beispielsweise auf ein gute verarbeitetes Gehäuse, ein leistungsfähiges Objektiv, den Blitz, und handlich sollte der Foto-Apparat natürlich auch sein.

Die Entscheidung für eine Digitalkamera ist aber nach wie vor auch eine Geldfrage. Obwohl die Preise innerhalb des vergangenen Jahres erneut gesunken sind, kostet eine Digitalkamera immer noch mehr als eine analoge. Das Einsteigermodell Powershot 100 von Canon kostet etwa 249 Euro, Apparate mit drei Megapixeln und Dreifachzoom kommen sogar auf bis zu 800 Euro. Eine einfache Kompaktkamera ist dagegen schon für um die 100 Euro zu haben. Bei einer Digitalkamera kommen auch noch einmal etwa 100 Euro für eine zusätzliche Speicherplatte hinzu. Die ist nötig, weil Digitalkameras oft mit einer Speicherplatte geliefert werden, die nur die Kapazität für sehr wenig Bilder hat.Wer mit einer Digitalkamera fotografiert, muss seine Bilder nicht zwangsläufig auf einen PC laden und zu Hause ausdrucken. In vielen Fotogeschäften gibt es mittlerweile Digitalstationen, an die man die Speicherplatte seiner Kamera anschließen kann. Die Daten werden dann an ein Fotolabor geschickt und dort – wie bei herkömmlichen Fotos – auf Fotopapier gedruckt. Es besteht aber auch die Möglichkeit, seine Bilder per E-Mail an ein Labor zu schicken. Die Papierabzüge kann man sich dann entweder im örtlichen Fotoladen abholen oder per Post zuschicken lassen. Der Vorteil gegenüber den Bildern aus dem Drucker: Sie verblassen längst nicht so schnell.

Die Entwicklung eines Digitalfotos ist allerdings teurer als bei den herkömmlichen. Während man analoge Fotos schon für neun Cent entwickeln lassen kann, kostet der Printservice von digitalen Fotos etwa 20 Cent, hinzu kommen die Bearbeitungsgebühr und die Kosten für den Postversand. Europas größter Fotoentwickler Cewe Color geht aber davon aus, dass sich die Preise mittelfristig angleichen werden.

Trotz des Siegeszugs der Digitalen wird die herkömmliche Technik nicht aussterben. „Die digitale Kamera wird die analoge nicht vollständig vom Markt verdrängen“, sagt Bettina Steeger von Canon. Auch die Infrastruktur zur Entwicklung von Analogfotos wird auf absehbare Zeit erhalten bleiben. Cewe Color machte jedoch im Mai bereits 3,6 Prozent seines Umsatzes mit der Entwicklung digitaler Fotos, im gesamten Jahr soll der Anteil auf fünf Prozent, bis 2005 sogar auf 15 Prozent steigen.

Gute Nachrichten für Konservative. Denn Technikbegeisterung und ein gewisser Spieltrieb sind schon nötig, um mit den Digitalkameras zurechtzukommen. Foto-Experte Hans-Walter Klein rät deshalb im Zweifel immer zu Bewährtem. „Leute, die nichts von Technik halten, sollten lieber bei einem analogen Apparat bleiben.“

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