Wirtschaft : Blaues Band der Fantasie - Christoph Amend über das Spiel mit den Aktien (Kommentar)

Der Autor ist Redakteur dieser Zeitung.

Unauffällig läuft es unten am Bildrand der Nachrichtensender, das kleine blaue Band mit dem schmalen roten Streifen. Früher auf dem Hotelzimmer im Amerika-Urlaub, als es das nur gab bei Sendern, die sich CNBC nannten oder Bloomberg und die in Deutschland noch keiner kannte, dachte ich immer, die Amerikaner müssen wahnsinnig sein. Diese Zahlen lenken doch ab vom Programm. Und diese Hektik der vorbeirasenden Ziffern.

Getäuscht. Längst ist das Band auch bei uns Alltag. Wer n-tv einschaltet oder N24, sieht ganz selbstverständlich zwei Programme auf einem Bildschirm. Oben Neues vom Grünen-Vorstand, unten Nachrichten vom Fusionsfieber, letzter Stand.

Die Börse als gesellschaftliches Phänomen - was können wir von ihr über unsere Welt lernen, selbst wenn wir gar keine Aktien haben? Das ist die Frage dieser Kolumne. Das blaue Band spricht kurz und knapp zu uns, im Telegramm-Stil des 21. Jahrhunderts. Also: "Commerzbank (X) 41,38 + 0,58." Das X steht für die Mitgliedschaft im Dax. Ja schön, was aber bedeutet der Kursanstieg um acht Punkte? Übernahme? Neue Zahlen? Der Internet-Boom im Bankengeschäft? Und bei welcher Konkurrenz kriselts gerade? Mein Mathelehrer hat doch Recht behalten. Zahlen können spannend sein.

Der amerikanische Schriftsteller Paul Auster hat vor Jahren schon von der Optik der Zahlen auf ihren Charakter geschlossen, bei der 12 etwa, die ehrlich sei und auf eine naive Art anständig. Oder die 13: verschlagen, ein Einzelgänger. Und die 27, die eher dick sei und einfältig. Wie wohl Auster eine 41, 20 + 8 beschreiben würde? Beweglich vielleicht, aber auch unzuverlässiger, als sie sich nach außen gibt? Ein Kandidat, auf den man sich nicht verlassen kann? Oder doch eher der grundsolide Typ? Hallo, Mister Auster, bitte übernehmen Sie. Die Zahlen stolpern vom Band in unser Leben, in die U-Bahn beispielsweise. Warum einem monatelang eine Gratiszeitung in die Hand gedrückt wurde? Könnte damit zu tun haben, dass sich mit der Einführung der Zeitung der Kurs des verantwortlichen schwedischen Verlags verdoppelt hat. Da macht es nichts, dass die Zeitung wieder verschwunden ist. Man wollte die Fantasie der Anleger wecken: Aus diesem Wert könnte noch was werden.

Oder nehmen Sie das Telefonieren. Man fragt sich, warum manche Handymarken sich durchgesetzt haben und manche nicht. Niemand konnte vor wenigen Jahren mit dem Wort "Nokia" etwas anfangen, es klang wie ein Eis von Langnese. Heute telefonieren Millionen mit einer Eiskrem in der Hand, Nokia ist der weltgrößte Hersteller von Mobiltelefonen, Umsatz knapp 36 Milliarden Mark. Ein Märchen, geschrieben an der Börse. Der Chef eines finnischen Gummistiefel-und Toilettenpapier-Fabrikanten erkennt 1992 die Zeichen der Zeit und verwandelt seinen Mischkonzern kurz vor der Pleite in ein Kommunikationsunternehmen. Er setzt auf Handys, Handys, Handys. Der Umsatz steigt und steigt und der Kurs gleich mit - in den neunziger Jahren um 6000 Prozent. Das blaue Band auf n-tv mag solche Zahlen sehr. Das Geld der Anleger wurde ins Produkt gesteckt und in die Werbung. Nokia heute: Connecting people. Das Toilettenpapier für die Finnen stellen andere her.

An das blaue Band der Fantasie haben sich offenbar viele Zuschauer gewöhnt, denn n-tv lässt es seit kurzem auch am börsenfreien Wochenende laufen, mit alten Werten. Vielleicht brauchen wir ja mittlerweile die Hektik der Zahlen, die Illusion des Auf und Ab, so sehr wie das Wetter von morgen. Die Frage ist nur: Ist es Liebe? Ist es Sucht?Der Autor ist Redakteur dieser Zeitung.

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