Wirtschaft : Bloß keinen Chardonnay mehr

Auf der Londoner „Wine & Spirits Fair“ gab es viel Zuspruch für den deutschen Wein

Bernd Matthies[London]

Der Stand der deutschen Weinwerber auf der Londoner „Wine & Spirits Fair“ ist klein, doch die Erwartungen sind riesig. Dies soll das Jahr des deutschen Weins in der angelsächsischen Welt sein - so haben es die Verantwortlichen beschlossen. Zwei sehr gute Jahre und verblüffend hohe Wertungen in den führenden US-Fachblättern und englischen Zeitungen sind die Grundlage dieser Hoffnungen, die an einer ganz und gar deutschen Rebsorte hängen. „Wir denken, dass der Riesling der Chardonnay der Zukunft sein wird", sagt Ulrike Bahm, Exportmanagerin des Deutschen Wein-Instituts, „wie eine eingeführte Marke."

Neidvoll haben die Deutschen den internationalen Siegeszug des Chardonnay verfolgt, der zur Uniformität tendiert und Weinfreaks in aller Welt längst zum abfälligen Stoßseufzer „ABC“, „All But Chardonnay" gebracht hat, alles außer Chardonnay. Der Riesling ist vielfältiger, die aus ihm gekelterten Weine sind leichter; sein größter Vorteil aus deutscher Sicht liegt aber darin, dass zwei Drittel der Anbaufläche in Deutschland liegen.

Der Rückenwind kommt aus vielen Richtungen. „Riesling is the new Chardonnay" sagte kürzlich auch der wichtigste britische Einkäufer, Phil Reedman von der Supermarktkette Tesco und erklärte die Rebsorte zu einem der Hauptthemen für das laufende Jahr. Robert Parker, der einflussreichste Weinjournalist der Welt, sprang bei der Beurteilung des Jahrgangs 2001 in Deutschland über seinen Schatten: „Ein Jahrgang der Superlative, auf keinen Fall verpassen" ließ er den Tester Pierre-Antoine Rovani in seinem Fachblatt „Wine Advocate" schreiben, faktisch ein komplettes Dementi länger zurückliegender abfälliger Urteile. Wenig später zog der konkurrierende „Wine Spectator" mit einem ähnlich enthusiastischen Urteil nach; die US-Experten staunten vor allem darüber, dass einige von ihnen mit über 90 von 100 Punkten bewertete Weine, durchweg Rieslinge, ab Gut nicht einmal zehn Euro kosten. Der Nackenheimer Winzer Fritz Hasselbach, dessen edelsüße Rieslinge mehrfach in den 100-Punkte-Adel erhoben wurden, erinnert sich mit konstanter Verblüffung daran, dass er jüngst beim Essen in Hawaii unvermittelt um ein Autogramm gebeten wurde - vom Hollywood-Star Kevin Costner.

Doch all diese Weine werden in kleinen Mengen von spezialisierten Händlern vertrieben. Der Umsatz aber wird in den Supermärkten gemacht, und da dominieren weltweit immer noch obskure Deutschweine wie der „Blue Nun" oder die berüchtigte Liebfrauenmilch.

Hier setzt die üppig dotierte Marketing-Initiative der deutschen Weinwerber ein, die auf der wichtigen Londoner Messe einiges in Bewegung zu setzen schien. Der deutsche Botschafter Thomas Matussek persönlich verlieh am ersten Messetag die Preise, die eine englische Fachjury deutschen Winzern und Weinproduzenten zugesprochen hatte, Preise, die dem Wein, der Flaschengestaltung und dem damit verbundenen Marketing-Konzept galten. Doch das Ergebnis fiel zumindest aus der Sicht deutscher Beobachter befremdlich aus: Einer der Sieger ist ein Pfälzer Wein, der seine Herkunft mit dem Namen „Fire Mountain" und dem Bild eines schneebedeckten Gipfels zu verschleiern sucht; auch andere Exportnamen wie „Devil´s Rock" oder „Gentle Hills" entsprachen nicht unbedingt den Erwartungen der deutschen Fachjournalisten. Immerhin erwiesen sich die Weine hinter den seltsamen Etiketten durchweg als trinkbar bis sehr gut. Eine besondere Anerkennung der Jury verdiente sich das Sekthaus Deinhard, durch die pfiffige Werbung für seinen „Deinhard Lila": Die Kampagne „Sekt and the City" stellte die Erwartungen an typisch deutsche Werbemühen mit flotten Sprüchen wie „a sektual revolution is on its way" komplett auf den Kopf.

Doch vor allem der komplizierte Export auf den ganz von Großimporteuren dominierten britischen Markt hat vor allem für kleinere deutsche Weinerzeuger noch seine Tücken. Nur eine Hand voll Betriebe nahm die Mühe der Anreise und die hohen Standgebühren auf sich auf sich. Und so dominierten zumindest optisch noch die riesigen Aufgebote von Weinerzeugern aus Chile, Australien und anderen aufstrebenden Ländern.

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