Wirtschaft : BMW hat sich gehörig verkalkuliert

THOMAS MAGENHEIM

MÜNCHEN .Es gab eine Zeit, da klang der Vorstandschef der Bayerische Motoren Werke (BMW) AG, München, sehr zuversichtlich."Wir haben uns die Rover-Fabriken gründlich angesehen und wissen, was dort zu investieren ist," sagte Bernd Pischetsrieder über den britischen Autobauer vor knapp fünf Jahren selbstbewußt.Am Mittwoch laden die Bayern auf der Insel zu einer Pressekonferenz, bei der sie sich erneut zu Werken und Investitionen äußern.Offenbar ist ein zweiter Blick nötig geworden.Um jährlich gut 400 Mill.DM sparen zu können, will BMW bei Rover 2500 bis 3000 Stellen streichen und dem Vernehmen nach weitere 4,5 Mrd.DM investieren.

Weit über Plan haben die Münchner ohne große Wirkung in Rover schon 6,5 Mrd.DM gesteckt.Die Briten sind 30 Prozent von der Produktivität des Mutterhauses entfernt und bekommen nun ein Arbeitszeitmodell nach deutschem Vorbild verordnet."BMW hat das Problem unterschätzt und zu langsam reagiert," werfen Branchenkenner den erfolgsverwöhnten Münchnern vor und sagen ihnen auf der britischen Insel noch ein "langes und tiefes Tal" voraus.

"Es sind Fehler passiert, wir haben zu lange gewartet," räumt man in München ein.Der seinerzeit als strategischer Schachzug bejubelte Erwerb von Rover ist mittlerweile zum Sanierungsfall geworden.Minus 260 Mill.DM betrug 1997 das Ergebnis gewöhnlicher Geschäftstätigkeit bei Rover.Für das laufende Jahr reichen die Schätzungen von einer halben bis 1,6 Mrd.DM Verlust.Bankanalysten taxieren das Defizit auf 600 bis 700 Mill.DM.BMW äußert sich dazu nicht.Hinter vorgehaltener Hand bestätigt man, daß die roten Zahlen mit dem jetzt auf der Insel vereinbarten Arbeitszeitmodell noch nicht vom Tisch sind.Zwar mache die Produktivität dadurch "einen Sprung nach vorn", eine endgültige Sanierung von Rover bringe aber nur die schrittweise Erneuerung der Modellpalette.Die komplette Renovierung der Rover-Palette dauert bis 2005, schätzt ein Analyst der Bankgesellschaft Berlin.Bis dahin könne nur Kostensenkung für Entlastung sorgen.Denn große Stückzahlsteigerungen seien von Rover angesichts veralteter Modelle und des hohen Pfund-Kurses vorerst nicht zu erwarten.

Anders als von BMW unterstellt, treten die Briten 1999 nicht dem Euro bei.Das trifft die Münchner, weil Währungssicherungsgeschäfte für das Pfund im Frühjahr 1998 ausgelaufen sind.Auf diese währungsbedingte Verschärfung des Produktivitätsproblems hat BMW mit der Entsendung eines etwa 100köpfigen "Crash-Teams" nach Großbritannien reagiert.Das seien nicht alles "Reitzle-Leute" sondern Experten aller Abteilungen, denn Rover benötige breiten Know-how-Transfer, heißt es in München vorsorglich.Diese Bemerkung zielt auf den angeblichen Disput zwischen Pischetsrieder und BMW-Entwicklungschef Wolfgang Reitzle.Der galt seinerzeit als Kritiker einer völligen Rover- Übernahme und hielt nur die Erfolgsmodelle "Mini" oder Landrover für kaufwürdig.Nun soll er nach dem Willen Pischetsrieders maßgeblich die Briten sanieren, wie zu hören ist.Offziell dementiert BMW sowohl die Existenz eines solchen "Marschbefehls" als auch von Intrigen im Vorstand.Problematisch ist das Verhältnis zwischen Pischetsrieder und Reitzle aber nicht nur wegen unterschiedlicher Beurteilung des Rover-Deals.Bis Pischetsrieder 1993 als Nachfolger Eberhard von Kuenheims präsentiert wurde, galt als Kronprinz der BMW-Entwicklungschef.Kurz darauf setzte sich Pischetsrieder auch noch mit seinem Rover-Konzept durch.Wenn BMW die Briten aber nicht komplett übernommen hätten, wäre wohl der japanische Honda-Konzern zum Zug gekommen, der an Rover damals zu einem Fünftel beteiligt war.

Von Deutschen verordnete Radikalkuren für britische Unternehmen, etwa ein Produktionsstop für Rover-Modelle, wäre auch politisch kaum durchsetzbar.Das ändert nichts an Fehleinschätzungen.Rover könne sich eigenständig finanzieren und künftige Modelle allein entwickeln, urteilte BMW-Finanzchef Volker Doppelfeld 1994.Das war ein Irrtum.So gesehen könnte sich Reitzle nachträglich bestätigt sehen.BMW habe bei Rover keine andere Wahl, als den langen Weg zu gehen, sagen Branchenkenner.Denn ohne komplette Palette der Briten wäre BMW zu klein im internationalen Wettbewerb.Mit der Familie Quandt als Großaktionär habe BMW zudem einen Eigner, der einen langen Atem erlaube.Vom Vorhaben, bei Rover bis 2000 schwarze Zahlen zu schreiben, haben sich die Bayern indessen verabschiedet."Dieses Ziel wird sich nicht erreichen lassen," stellte Vorstand Horst Teltschik jüngst klar.Bis spätestens 2003 sollte Rover aber über neue Modelle profitabel sein.Dann gehen die Rolls-Royce-Namensrechte von Volkswagen nämlich an die Bayern über.Das macht den Bau einer neuen Fabrik nötig und beschert BMW nach Ansicht von Technikern einen weiteren britischen Sanierungsfall.

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